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Andreas Bänziger

Editorial Dezember-Kirchenbote

Editorial —  "Das Licht scheint in der Finsternis" (Johannes 1,5)<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-frauenfeld.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>209</div><div class='bid' style='display:none;'>881</div><div class='usr' style='display:none;'>4</div>

Editorial: "Das Licht scheint in der Finsternis" (Johannes 1,5)

Die zwei Seiten von Weihnachten
Iris Gsell,
«Weihnachten hat doch sehr zwei Seiten», sagte meine Mutter am Ende der letzten Weihnachtszeit zu mir. «Wie meinst du das?», fragte ich zurück. «Weihnachten gibt soviel Grund zur Freude und zugleich vermisst man diejenigen so sehr, die nicht mehr da sind», gab sie zur Antwort.

Dieser Aussage konnte ich nur zustimmen. Zugleich weckte sie bei mir aber auch Erinnerungen aus der Kindheit.

Ich sah wieder meinen Vater vor mir, wie er nach getaner Arbeit, an dunklen Winterabenden, im Keller verschwand und es uns Kindern strengstens verboten war, ihm nachzugehen. An Heilig Abend standen dann eine selbst gezimmerte Puppenstube oder ein Paar frisch gestrichene Skier unter dem Christbaum. Oder meine Mutter, die anfangs Adventszeit in den Estrich stieg, den Adventskalender vom Vorjahr herunterholte und sorgfältig alle Fensterchen wieder zuklebte. So diente er uns Kindern nochmals, die lange Wartezeit auf Weihnachten zu verschönern. Allein schon der Glimmer darauf, auch wenn er schon ein wenig abgebröckelt war, besass die Fähigkeit, mich in eine Wunderwelt zu versetzen.

Diese guten Erinnerungen halfen mir auch im Erwachsenenleben, Weihnachten als eine schöne Zeit zu erleben und mich von Herzen über die Geburt von Jesus zu freuen. Dass es der Sohn Gottes gewagt hatte, in Menschengestalt zu uns auf diese Erde zu kommen, stimmte mich immer wieder dankbar, bis in die heutige Zeit.

Dann aber wurde in meinem Leben auch diese zweite Seite spürbar. Es kam der Heilige Abend, an dem mein Vater fehlte. Ein Jahr später vermissten wir den Schwiegervater und zwei Jahre später unseren ältesten Sohn. Die Weihnachtszeit hatte ihre Unbeschwertheit verloren. Wie viel einfacher und schöner war es jeweils, ein neues Familienmitglied willkommen zu heissen, als eines schmerzlich zu vermissen.

Unsere Weihnachtsfeier brauchte ein neues Gesicht. Wie schaffen wir es, unsere lieben Verstorbenen in den Abend einzubeziehen und dann doch der Freude und dem Unbeschwerten wieder Raum zu geben?

Heute haben wir einen Weg gefunden. Wir besuchen jeweils nach dem Eindunkeln zusammen den Friedhof. Bleiben bei den Gräbern von unseren Lieben stehen, zünden eine Kerze an, sind einfach still, tauschen Erinnerungen aus oder wischen Tränen ab. Als wir zum ersten Mal an einem Weihnachtsabend auf den Friedhof gingen, waren wir vom Lichtermeer überwältigt. Anscheinend haben viele andere Menschen, die jemanden schmerzlich vermissen, das gleiche Bedürfnis. Es liegt nicht nur Weihnachten in der Luft. Nein, hier widerspiegelt sich auch Karfreitag und Ostern. Das Licht scheint in der Finsternis.

Mit den Liebsten im Herzen gehen wir dann wieder nach Hause zurück. Dankbar um die warme Weihnachtsstube, setzen wir uns an den Tisch und essen miteinander. Zuerst ist noch eine besinnliche, eher ruhige Atmosphäre. Jedes ist noch ein wenig mit sich beschäftigt. Langsam kommt das Gespräch in Gang und auf einmal erfüllt Freude und Fröhlichkeit den Raum. Wir hören eine Geschichte, singen miteinander und freuen uns schon auf die verschiedenen Gesichter beim Auspacken der Geschenke. Dankbar stelle ich fest, dass wir auch wieder froh sein können.

Die Freude ist echt, wohl weil wir uns auch der anderen, schmerzlichen Seite gestellt haben.

Hat man erst kürzlich einen lieben Menschen hergeben müssen, kann man sich manchmal kaum vorstellen, dass es im Leben wieder einmal heller werden kann. Ich möchte hier nur sagen: Es wird wieder heller. Ich habe dies bei mir und bei vielen anderen Menschen aus meiner Arbeit erlebt.

Ja, es stimmt eben doch. Weihnachten hat zwei Seiten.

Gott sei Dank, hat sie zwei Seiten.

Iris Gsell, Begleitung von Trauernden
Bereitgestellt: 01.12.2006      
aktualisiert mit kirchenweb.ch