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Andreas Bänziger

Editorial Juni-Juli 2010

Im Feuer geläutert (Foto: Andreas Bänziger)

Im Feuer geläutert (Foto: Andreas Bänziger)

Wie Silber geprüft
Pfr. Ernst Gysel,
Liebe Leserinnen und Leser,
Im August dieses Jahres werden 25 Jahre vergangen sein, seit ich meinen Dienst als Pfarrer in der Kirchgemeinde Frauenfeld angetreten habe. Ich bin dankbar, dass Gott mir die Kraft geschenkt hat, dass ich den vielfältigen Dienst als Pfarrer bis heute mit Freude tun konnte. Ich bin auch dankbar für die vielen, die mich durch ihre Gebete, durch ihr Mitdenken und durch ihre Mitarbeit begleitet und ermutigt haben. Ich danke auch allen, die mich mit meinen Schwächen ertragen und mir meine Fehler verziehen haben. Ich bin mir bewusst, dass meine Erkenntnis und mein Tun in all den Jahren bruchstückhaft war und ist. Vieles von dem, was ich gesagt und getan habe, hätte ich lassen sollen. Ich habe auch vieles versäumt, was ich hätte tun oder aussprechen sollen. Gleichzeitig bin ich dankbar für das, was Gott gelingen liess und was bleiben wird.

Wenn ein Ehepaar den 25. Hochzeitstag feiern kann, spricht man von der "Silbernen Hochzeit". Und wenn jemand 25 Jahre einen Dienst ausgeübt hat, spricht man gelegentlich vom silbernen Dienstjubiläum. Doch was hat es mit diesem Ausdruck "silbern" im Zusammenhang mit einem 25jährigen Jubiläum eigentlich auf sich? Vermutlich geht dieser Ausdruck auf biblische Aussagen zurück. In der Bibel steht an mehreren Stellen, dass Gott sein Volk und seine Leute prüft, so wie der Silberschmied das Silber prüft und läutert. In biblischer Zeit legte der Silberschmied zu diesem Zweck das Silber in einen Metallbehälter und hängte diesen über ein heisses Feuer. Wenn dann das Silber in der Hitze zu schmelzen und zu sieden begann, kamen die Unreinheiten als Schaum oder Schlacke an die Oberfläche. Der Silberschmied schöpfte diese Schlacke dann ab. Er setzte diesen Prozess so lange fort, bis im Silber keine Unreinheiten mehr zurückblieben. Der letzte Reinheitstest bestand darin, dass der Silberschmied beim Hineinschauen sein eigenes Gesicht wie in einem Spiegel betrachten konnte.

In gleicher Weise prüft Gott auch seine Kinder und Mitarbeiter. Der Schmelzofen, den er benutzt, sind Leiden und schwierige Lebensumstände. Wenn wir ihm stille halten und ihm nicht davonlaufen, dann schöpft er mit der unsichtbaren Schöpfkelle seines Heiligen Geistes sanft und geduldig ab. Er läutert uns, bis sich sein eigenes Bild in unserem Leben widerspiegelt. Ein solcher Prozess kann gut einmal 25 Jahre, oder ein ganzes Leben lang dauern. Er ist manchmal schmerzhaft, aber heilsam. Ich habe dies selber so erfahren.
Wenn wir also von einem silbernen Jubiläum sprechen, dann steckt die Vorstellung dahinter, dass wir nach 25 Ehe- oder Dienstjahren in unserem Wesen - zumindest ein Stück weit - gereinigt und geläutert sind. Das ist jedenfalls die Absicht unseres Schöpfers. "Du hast uns geprüft, Gott, hast uns geläutert wie man Silber läutert" (Ps. 66,10).

Mit freundlichem Gruss Pfarrer Ernst Gysel
Bereitgestellt: 01.07.2010      
aktualisiert mit kirchenweb.ch