Facebook

Andreas Bänziger

Studienurlaub Pfr. Andreas Bänziger (10)

Kurs mit Prof. Dr. K.Fechtner, Mainz (Foto: Andreas Bänziger)

Kurs mit Prof. Dr. K.Fechtner, Mainz (Foto: Andreas Bänziger)

„Kirche von Fall zu Fall“, ein Kurs über kirchliche Kasualien mit Prof. Dr. Kristian Fechtner aus Mainz in Basel im Missionhaus, 21.-25.9.2009.
Unter Kasualien verstehen wir kirchliche Handlungen zu bestimmten Lebenssituationen, z.B. Taufe, Trauung, Abdankung etc.
Pfr. Andreas Bänziger,
Kristian Fechtner
Prof. Dr. Kristian Fechtner, Jg. 1961, Studium der Evangelischen Theologie, Promotion 1994 und Habilitation 2000 an der Philipps-Universität Marburg; Vikariat und Ordination in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau; seit 2002 Professor für Praktische Theologie und Universitätsprediger an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Mitglied der Liturgischen Konferenz der EKD; Mitherausgeber der Zeitschrift "Praktische Theologie"; Arbeitsschwerpunkte: Kasualien, Kirchenjahr, Kirchentheorie, Populäre Kultur und Religion.

Montag, 21.9.2009
• Einstieg mit Vorstellungsrunde
• Impulsreferat „Kasualien heute“
• Kaffeepause
• Zusammentragen eigener Fragestellungen
• Nachtessen
• freier Abend

Kasualien heute – ein paar Beobachtungen zur Kasualkultur
Kasualien haben an in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen. KuK = Kasualien und Kirchenjahr entsprechen heutiger Kirchlichkeit. Man spricht von ritualisierter Mitgliedschaft (--> Amtshandlungen). 1/3 der Mitglieder der Kirche beschränken sich auf diese ritualisierte Mitgliedschaft.
Eine hohe Taufbereitschaft ist in den letzten Jahren eher noch gewachsen. Bei alleinstehenden Müttern in Deutschland allerdings ist der Anteil der Taufen nur bei 25 %, man tauft also in der Familie. Sonst sinken die Kasualzahlen bedingt durch die Demografie und bei Trauungen durch Diversifikation von Lebensformen.

Umbrüche heutiger Kasualkultur:
1. Subjektivierung: Kasualien werden begründungspflichtig. Das Traditionsprinzip bricht ab. Ein besonderes Gestaltungsbedürfnis entsteht. „Es muss für uns etwas ganz Besonderes sein.“ (Aber: das machen jetzt viele so!)
2. Konkurrenzen: Wir verlieren das Ritualmonopol. Es gibt Ritual-Designer. Eine Alternative zur Taufe gibt es im säkularen Bereich (praktisch) nicht. (Die 'Namensweihe' in der ex-DDR hat sich nicht durchsetzen können!) Übernimmt die moderne Medizin priesterliche Funktion?
3. Traditionsabbrüche und Traditions-Neugestaltung: Neue Bestattungsorte (Friedwald etc.) entstehen. (Säkulare) Friedwald-Unternehmen in Deutschland wollen sogar eigene Pfarrer anstellen. Gottesdienstliche Praxis wird immer mehr kasualisiert. Die Kehrseite: „Endlich mal wieder ein normaler Gottesdienst!“, hört man Gemeindeglieder sagen. Es entstehen neue Kasualien: Goldene Konfirmation, Einschulungsgottesdienste...

Kulturelle Bezugspunkte:
Kasualien sind Biografie-bezogen. Wendepunkte werden gefeiert. Früher war Religion mehr gemeinschaftsbezogen, heute mehr lebensgeschichtlich bestimmt. Man ist sich der Verantwortung für den eigenen Lebensentwurf bewusst und sucht darin eine Absicherung in der Risikogesellschaft. In der Erlebnisgesellschaft entsteht das Bedürfnis nach expressiven Symbolen der eigenen Lebensgeschichte.

Theologischer Bezug:
1. Rechtfertigung von Lebensgeschichten: Frage nach Sinn und Wert der eigenen Lebensgeschichte. Es geht um Identität und Akzeptanz. Evangelisch: Rechtfertigung nicht durch gute Werke, sondern durch zugesprochene Gnade Gottes.
2. Segensakt: Segenshandlung als Mitte der Kasualien. Früher galt: Der Ritus ist allgemein, die Predigt auf die individuelle Situation bezogen. Heute gilt vermehrt: persönliches Ritual, fotografiert (und ins Internet gestellt!) ergibt persönliche Identität.
3. Man möchte die eigene Lebensgeschichte an Gott adressieren, um ihr Bedeutung zu verleihen?
4. Empfinden von Lebensfügung: Die eigene Wahl ist eingebettet in etwas Grösseres.

3 Thesen: Herausforderungen und Aufgaben
1. Gestaltungsfragen müssen als inhaltliche Fragen ernstgenommen werden. Liturgische Kompetenz bedeutet, Sensibilität für inhaltliche Dinge, die sich in Gestaltungsfragen verbergen.
2. Religiöse Kompetenz entwickeln für Menschen, die mit kirchlichen Formen nicht (mehr) vertraut sind. Dabei mehr auf Wirken des Geistes Gottes vertrauen.
3. Die Deutlichkeit der Kasualien als kirchliche Handlungen verstärken:
- kirchlicher Raum
- kirchlich-gottesdienstliches Ritual
- kirchliches Amt stärken.

Dienstag, 22.9.2009
Ausschnitt aus „Traumhochzeit“ (RTL). Inszenierung: Die Braut kommt aus dem Himmel. Eine ultra-kurze Ansprache des Standesbeamten. Kirchenfenster, Musik, Ansprache etc. Erinnern an eine kirchliche Hochzeit, auch wenn alles viel kürzer ist. Das Publikum ersetzt die Gemeinde.
Gespräch:
- Aussage eines katholischen Pfarrers: „Man nimmt der Kirche die Feste weg!“
- Pseudo-Trauung: Als Kirche haben wir etwas anzubieten, das im Fernsehen fehlt.
- Ist eine kirchliche Hochzeit manchmal auch eine Show?
Beobachtungen / Interpretation von K.Fechtner:
- Gegenwartskultur ist in hohem Mass religionsverdächtig.
-Gebet fehlt im TV, weil das Brautpaar konsequent im Fokus bleibt.
- Das neuzeitliche Leitbild der Liebesheirat führt zur Veröffentlichung von Intimität (Tränen in Grossaufnahme); Ähnliches geschieht auch in der Traupredigt. Aber hier wird Liebe selbst zur Religion.
- Das Standesamt übernimmt liturgische Elemente der kirchlichen Trauung.
- Idee: Man könnte Gottesdienste für Brautpaare anbieten, die sich in diesem Jahr trauen liessen.
- Es gibt an manchen Orten auch Gottesdienste am Valentinstag mit der Segnung von Menschen, die miteinander unterwegs sind.

Empirische Studie CH von Simone Fopp (2008):
Interviews mit Brautpaaren:

1. Die Trauung wird von den Beteiligten als ambivalent erlebt: zwischen Romantik und Realismus. Verschränkung von Liebesmotiv, zweckrationalem Kalkül und Festaspekt. --> dies sollte in der Predigt thematisiert werden.
2. Kirchliche Trauung als Ritual im Übergang und als Erzählprozess. Für Brautpaare ist die kirchliche Trauung trotzdem ein Übergang, obwohl sie in der Regel schon länger zusammen leben. Die Ablösung von der Herkunftsfamilie und die Gründung einer eigenen Familie hängt damit zusammen. Von der Trauung an sagt sie „mein Mann“, er „meine Frau“.
3. Die Trauung wird gender-differenziert wahrgenommen: Frauen wollen eine Hochzeit in weiss, Männer machen mit, aber es ist ihnen nicht so wichtig. Beispiel: die Frau möchte vom Vater in die Kirche geführt werden, aber sie erwartet vom Mann den Heiratsantrag.
4. Suche nach dem Versprechen: Für das Brautpaar ist dies der wichtigste Punkt. Vor wem wird das Versprechen abgelegt?

Fotografieren im Kasualgottesdienst
1. Fundamental-liturgische Probleme:
a) Fotografieren führt eine Beobachter-Rolle in den Gottesdienst ein (Heraustreten aus Partizipation)
b) Die Fotografierten werden zu Darstellern --> Nötigung zur Selbstinszenierung
c) Reduktion des Gottesdienstes auf Sichtbares. Z.B. die Energie des Segens kann nicht im Bild festgehalten werden.
2. Lebensweltliche Bedeutsamkeit:
Fotos vergewissern die eigene Lebensgeschichte. Das Bild individualisiert den „Segen“ der Trauung. Fotos wirken als Unterpfand für einen gelungenen Beginn (der Ehe). Sie bürgen für eine Realität. Spannungsfeld von Inszenierung und Co-Inszenierung. Wer führt Regie? Das ist eine Machtfrage.
--> Wir können uns diesem Konflikt nicht entziehen.
--> Das Traugespräch ist wichtig: auch inhaltliche Fragen besprechen, ausgehend von Formfragen, z.B. „In welcher Form soll dieser Tag für euch einmalig, wichtig sein?“
--> Meine Anliegen und Erwartungen kommunizieren, aber nicht durchsetzen. Theologische Inhalte verbergen sich häufig in sogenannten Formfragen.
--> Machtfrage: In post-autoritären Zeiten gilt: „If you can lead, lead!“

Einzug mit Übergabe der Braut durch den Brautvater
Es wird etwas stilisiert, das nicht mit der Realität übereinstimmt.
1. Ebene: Widerstand gegen Traditionsabbruch. Rückgriff auf vermeintlich alte Tradition, dabei gab es das bei uns gar nicht.
2. Ebene: Herkunft soap-opera. Es ist mehr ein Amerikanismus bzw. eine Übernahme aus der Popkultur. Kirchliche Trauung soll an Liebesreligion partizipieren, wie sie im TV inszeniert wird.
3. Ebene: Im Zeitalter des Verschleisses von Übergangsritualen sucht man wieder eine Vergewisserung des Übergangs. Es ist eigentlich ein Freilass-, Übergabe- und Akzeptanz-Ritual. Der Vater gibt seine Bestätigung.
5 Umgangsweisen mit diesem Wunsch:
a) grösstmögliche Verweigerung
b) Toppen der Forderung: wenn schon dann inkl. Einzug der Mutter mit Bräutigam (das wird aber eher als lächerlich empfunden!)
c) Kompromiss: Der Brautvater bringt die Braut nur bis in den Rückraum der Kirche, dort 'übernimmt' der Bräutigam.
d) Kompromiss: Der Brautvater bringt die Braut bis in die Mitte der Kirche, dort 'übernimmt' der Bräutigam.
e) nachgeben/zulassen; ein Beigeschmack von Besitzübergabe bleibt.

Bestattung
Lied von Herbert Groenemeyer: „Der Weg“ (CD „Mensch“). Dieses Lied hat er nach dem Tod seiner Frau geschrieben. Darin heisst es unter anderem: „Ein Stück Himmel, dass es dich gibt...“ „Das Leben ist nicht fair...“ „Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“
H.Groenemeyer wurde durch dieses Lied zu einer Art Trauer-Idol. Trauerkultur lebt von der Personalisierung (im Trauerchat: „Er singt mir aus dem Herzen!“). Das Lied ist Sprachhilfe, eigene Trauer auszudrücken. Trauer ist etwas Körperliches/Energetisches: Musik kann Blockaden lösen helfen.
Wie sollen wir mit Gestaltungswünschen umgehen? Es gibt 3 Möglichkeiten:
a) Nur kanonisiertes Material hat Platz (Choräle, Bibeltexte)
b) Nur christliche Inhalte
c) Es wird ein kirchlicher Kern erhalten, alles andere drum herum ist egal.
Kriterien:
- es soll personbezogen sein
- situationsgemäss
- kein Dementi der christlichen Botschaft
Die Biografie hat mit Schlüsselszenen zu tun. Wenn Angehörige keinen Lebenslauf schreiben wollen, hilft die Aufforderung an verschiedene Angehörige, irgend etwas aufzuschreiben; meist kommt dann ganz viel Gutes heraus.

Den Toten Raum geben – Theologische Perspektiven
Was macht eine kirchliche Bestattung zu einer kirchlichen Bestattung? Die Mitte ist ein gemeinschaftlicher liturgischer Akt. Es ist ein Liebensdienst (Diakonie).
Bis weit ins 19. Jahrhundert wurden Verstorbene ohne Pfarrer bestattet.

1. Übergang aus dem Leben in den Tod --> Übergangsritual (Trennung – Umwandlung – Eingliederung). Jesus Christus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt...“ Dieses Wort gehört dazu. Es ist ein Übergang vom Leben ins Leben.

2. Weggeleit / Prozession:
- der Verstorbene wird aus der Gemeinschaft der Lebenden hinausbegleitet (Trennung)
- ein Weg in die Gemeinschaft Gottes, die Lebende und Verstorbene umfasst (deshalb werden in der lutherischen Liturgie auch Verstorbene gesegnet).

3. Übergabe: den Verstorbenen loslassen und an Gott übergeben. „In deine Hände befehle ich meinen Geist.“
Verkündigung soll nicht gegen das Ritual geschehen, sondern in und mit dem Ritual.
Heute gibt es den Trend zur Delokalisierung. Der Ort ist aber sehr wichtig. Tote sollen einen Ort haben, also auch eine Existenz. Und der Ort dient der Erinnerung. Ein Friedhof ist ein umgrenzter Raum, die Lebenden werden auch vor den Toten geschützt. Der Friedwald ist in dieser Hinsicht problematisch, weil er diesen Ort der Toten entgrenzt.
Früher war Sterben im privaten Rahmen, der Tod hingegen war etwas Öffentliches. Heute wird in öffentlichen Institutionen gestorben, dafür wird der Tod privatisiert.
In Hannover wird ein spezieller Gottesdienst am Totensonntag gefeiert für Angehörige von anonymen Verstorbenen, also für Menschen, die nicht die Möglichkeit hatten, Abschied zu nehmen.

Mittwoch, 23.9.2009
- Besuch in der Peterskirche mit altem Taufstein.
Taufe und Taufpraxis
Taufe findet hohe Akzeptanz in der Bevölkerung.

1. Kontinuität und Veränderung:
Gemäss eine Untersuchung in Deutschland gehört die Taufe zum Evangelischsein dazu. Die Motivation bleibt hoch (90%) und entspricht dem Taufverhalten. Erfahrungen in gottesdienstlicher Taufpraxis sind überwiegend positiv. Ein gewisser Rückgang der Taufzahlen ist demografisch bedingt. Die evangelische Kirche ist niederschwelliger als die katholische; in gemischten Ehen werden Kinder häufiger evangelisch getauft.
Erwachsenentaufen werden als eigenständige Form wahrgenommen, sind aber zahlenmässig auf niedrigem Niveau.
Taufen im Umfeld der Konfirmation geschehen häufiger. Die Taufe darf nicht zum Zulassungsritus zur Konfirmation werden.
Taufen im Kindesalter (anstelle der Säuglingstaufe) werden häufiger, sie sind aber biografisch an unterschiedlicher Stelle gefragt.

2. Einsichten:
Es gibt eine hohe Zufriedenheit mit der Taufe. Taufe wird als Aufnahme in die Kirche verstanden. Man erinnert sich kaum an konkrete Bilder der Taufe. Paten sind engagiert, fühlen sich aber überfordert. Pfarrer sind freundlich, verzichten aber auf die Weitergabe theologischer Inhalte. Feste Taufsonntage werden kritisiert. „Massen-“Taufen werden kritisiert. Hängt die hohe Akzeptanz mit dem Verzicht auf Theologie zusammen? Volkskirchlicher (ungeschriebener) Vertrag zwischen Pfarrern und Eltern!

3. Widersprüche, Herausforderungen, Aufgaben:
- Die Taufe wird stark erlebt, aber schwach erinnert. Die Bedeutung der Taufe bleibt also blass. --> Dafür sorgen, dass das zentrale Ritual der Taufe (Wasser) nicht durch sekundäre Rituale überdeckt wird. Erinnerungszeichen (Taufkerze) brauchen auch Erinnerungsorte (z.B. Gottesdienst mit Tauferinnerung).
- Nachwirkung der Taufe: Die Herausforderungen besteht darin, was auf die Taufe folgt. Gemeindliche Angebote werden nur zurückhaltend wahrgenommen.
- Taufe und Familie: Verpflichtung zu christlicher Erziehung ist zwar klar, aber es wird wechselseitig delegiert: Eltern --> Paten --> Eltern --> Pfarrer.
- Das Taufgeschehen ist Familienszene. Alleinerziehende Mütter haben eine tiefe Taufquote (25%), obwohl sie religiös am interessiertesten sind. --> Elemente der Herauslösung des Kindes aus der Familie betonen. Alleinerziehende wünschen Taufe ausserhalb des Sonntagsgottesdienstes, dies sollte unterstützt werden, z.B. in Verbindung mit „Fiire mit de Chline“ oder durch regionales Tauffest.
- Öffnungen zulassen: Integration von sonntäglicher Normalgemeinde mit festlicher Taufgesellschaft ist schwierig. Kirchenbindung und Gemeindebezug ist für viele nicht identisch. --> andere kirchliche Orte und Zeiten ermöglichen. Spezielle Tauffeste und Taufkirchen. Es gibt auch andere gemeindliche Formen als die Ortsgemeinde.

Donnerstag, 24.9.2009
Geschichte und Bedeutung des Patenamtes
1. Empirische Wahrnehnung

- Hochschätzung des Patenamtes: Pate zu sein wird als Ehre und Wertschätzung erfahren. „Ich will für das Kind dasein...“
- Unsicherheit oder Überforderung: Schlechtes Gewissen, man erfülle die Aufgabe nicht. Kirche lässt einen allein, Unterstützung für das Patenamt fehlt.
2. Historische Schlaglichter
- Von der Bibel her gesehen wirkt die Taufe unabhängig von Taufpaten (diese werden in der Bibel nicht erwähnt).
- Alte Kirche: Tertullian erwähnt Taufzeugen, der für den (erwachsenen) Täufling bürgt (=sponsores). Später kommt im Blick auf die Kindertaufe eine Stellvertreterfunktion dazu: Der Pate identifiziert sich mit dem Täufling, spricht für ihn stellvertretend das Glaubensbekenntnis und die Absage an das Böse.
- Mittelalter: Paten werden als geistliche Eltern verstanden. Paten übernehmen im Notfall die Elternrolle. Eltern durften Kinder nicht 'aus der Taufe heben'. (--> Loslösung)
- Reformation: Patenamt wird übernommen, aber ohne geistliche Elternschaft. Paten haben die Aufgabe, den Glauben zu bezeugen und vorzuleben. Paten werden weniger katechetisch (als familiärer Religionslehrer) gesehen, vielmehr als solche, die für den Glauben einstehen.
- Neuzeit: Taufe wird zu einer Familienangelegenheit. Paten gehören zum sozialen Netz. Taufen wurden in Bürger- und Bauernhäusern durchgeführt. Im Bürgertum mit Honoratiorenwesen verbunden: Durch Paten positioniert sich die Familie gesellschaftlich. Das Patenamt wird zweiseitig: kirchlich und familiär. Vor 1900 gehörte zur Taufe kein Familienfest dazu, Eltern waren z.T. nicht anwesend (Mutter erholte sich noch vom Kindbett).
3. Gegenwärtige Bedeutung:
- Spannung zwischen kirchlichem und familiärem Fest. Ohne kirchliche Bindung ist der Pate nur Privatperson. Der Pate markiert Grenze elterlicher Fürsorge. Es kann kein Patenamt ausserhalb der Kirche geben.
- Es wäre wichtig, das Patenamt zu unterstützen, z.B. dadurch, dass Paten eine Funktion im Konfirmationsgottesdienst übernehmen. Oder bei der Einführung zum Abendmahl. Oder man bietet ein Wochenende für Paten und ihre Patenkinder an.
- Blickwechsel: Was 'macht' das Patenamt mit den Paten?
--> Die Unterscheidung in Taufpaten und Taufzeugen löst das Problem nicht. Eine Lösung wäre höchstens, dass (christliche) Paten nicht mehr Voraussetzung für die Taufe sind.

Konfirmation
Ausschnitt aus Film 'Lion King': Simba wird 'getauft' (in den Kreis des Lebens aufgenommen, willkommengeheissen), erlebt behütete Jugend, gerät dann in Gefahr und taucht in Gruppe von Jugendlichen ab. Dann wird er zurück in die Realität gerufen durch den 'Pfarrer', einen Pavian, der ihn aus dem Exil zurückholt, indem er sagt: „Ich weiss,wer du bist!“ Er verhilft ihm zur Selbsterkenntnis und zu seiner Bestimmung. Simba hört beim Anschauen seines Spiegelbildes die Stimme seines verstorbenen Vaters: „Du bist mein Sohn!“ Simba stellt sich seiner Vergangenheit und übernimmt seine Rolle, erlebt eine Art Konfirmation, ein Eintrittsritual ins Erwachsenensein.
- Konfirmation ist die Kasualie, die Katechetik und Gottesdienst verbindet.
- Konfirmation ist Gemeinschaftskasualie.
- Die Jugendzeit wird heute gedehnt in zwei Richtungen: nach vorn (frühere körperliche Reife) und nach hinten (spätere Übernahme der Verantwortung). Das ist kulturgeschichtlich ein neues Phänomen.
- Jugendreligiosität ist in der Schwebe. Im Konfirmandenunterricht sind Jugendliche 'undercover' unterwegs, sie wollen sich nicht outen oder festlegen. Trotzdem ist da eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Wie gehen wir damit um?
- Seit 150 Jahren gibt es Konfirmationsdebatten: Wann ist der geeignete Zeitpunkt? Was soll Inhalt sein?
- 4+1E: Konfirmandenunterricht soll – erfahrungsorientiert – erlebnisorientiert – entwicklungsorientiert – ermächtigungsorientiert sein. Dazu kommt die Entscheidung bzw. Erprobung. (Heute nicht mehr die Gemeinde erprobt den Glauben der Konfirmanden, sondern die Konfirmanden erproben den Glauben der Gemeinde)
- Religionspädagogik und Liturgie: Katechese ist Substanz der Konfirmation. Umgekehrte Tendenz: Unterricht als Vorbereitung der Konfirmation. Während bei uns Pfarrern meist der Unterricht einen hohen Stellenwert einnimmt, ist es im Volk umgekehrt: die Konfirmation hat als Feier einen hohen Stellenwert.
- Theologische Perspektive: 4 theologische Motive:
a) Unterweisung: individuelle Lerngeschichte im Glauben.
b) Teilnahme am Leben der Gemeinde (Zugang, Integration).
c) Persönliche Entscheidung zum Getauftsein (Bestätigung)
d) Segen Gottes beim Übergang zum Erwachsensein.
--> Wie kommen diese Anliegen in der Konfirmation zur Darstellung?
--> Wer gestaltet den Konfirmationsgottesdienst für wen?

Freitag, 25.9.2009:
Kasualien und Kirchenjahr

• Kasualien – Kirchenjahr – Gemeindepraxis bilden ein Dreieck.
• Es gibt das offizielle und das gelebte Kirchenjahr.
• Im Kirchenjahr realisieren sich
a) öffentliches Christentum (Weihnachten, Ostern)
b) kirchliches Christentum /Gottesdienste, Abendmahl...)
c) individuelles Christentum (Advent in der Familie, Fasten...)
• Das Kirchenjahr rhythmisiert die Jahresfolge, deshalb ist es zeitgemäss. Ein Rhythmus wie die Jahreszeiten.
• Das Kirchenjahr ist eine Mischung aus verschiedenen Einflüssen: Naturjahr (agrarisch), gesellschaftliche Einflüsse (auch ehemals heidnische) wurden integriert.
• Traditionell gibt es die 3 grossen Festzeiten: Weihnachten – Ostern – Trinitatiszeit.
Neu wird ein 4-Felder-Schema vorgeschlagen: Weihnachten – Ostern – Pfingsten – Reifezeit oder Schöpfungszeit (Erntedank bis Ewigkeitssonntag).
• Das Kirchenjahr verknüpft die kirchlichen Feste mit Lebensthemen:
naturzeitlich / existentiell / religiös-kirchliche Inhalte / kulturell
• Beispiele und Vorschläge:
- Tauferinnerungs-Gottesdienste feiern, z.B. in der Osternacht, Epiphanias oder Ostermontag?
- Segenshandlungen zur Verarbeitung von Trennungen (seelsorgerlich, aber nicht als Kasualie!), z.B. als Fürbitt-Gottesdienst in der Osterzeit? (nicht im November, damit würde man die depressive Seite noch verstärken!)
- Salbungs-Gottesdienst anfangs März am Krankensonntag  Salbung als intensivierte Form des Segens.

Auswertung der Kurswoche:
1. Was nehme ich mit? 2. Wo sind Fragen offen?
1. Im Pfarrkonvent:
- überlegen, wo Segnung und Salbung angeboten werden könnte oder soll.
- Gottesdienst zum Schulbeginn oder zur Einschulung in Zusammenarbeit mit Schulen anbieten, aber nicht an einem ordentlichen Gottesdiensttermin, sondern zusätzlich.
- Tauferinnerung anbieten, z.B. in einem Gottesdienst am Ostermontag oder in der Osternacht für Erwachsene? Im Rahmen des ‚Fiire mit de Chline‘ für Kinder?
- Goldene Konfirmation feiern, wann?
- Soll ein Fürbitte-Gottesdienst zur Trennungsverarbeitung angeboten werden?
Ich möchte:
- Taufgespräche bewusster wahrnehmen, vor allem das Thema Taufpaten
- bei Abdankungen die Verstorbenen Gott anbefehlen?
2. Sollen wir zur Kasualkirche werden? Oder den Schwerpunkt mehr auf (missionarisch-diakonischen) Gemeindeaufbau legen? Oder beides gleich stark fördern? Oder könnten Kasualien vermehrt für den Gemeindeaufbau nutzbar gemacht werden?

Literatur:

Kirche von Fall zu Fall. Edition Christian Kaiser
von Kristian Fechtner

05.2003
Ist nicht mehr lieferbar.
Aus der Reihe:
«Edition Christian Kaiser»
Gütersloher Verlagshaus

Kurzbeschreibung
Für Durchblick in der Kasualpraxis Beerdigen, Taufen, Konfirmieren und Trauen - die meisten Menschen erreichen Pfarrerinnen und Pfarrer heute bei der Feier von Kasualien. Nicht wenige jedoch plagen Zweifel: Ist die Kasualie Chance, die man ergreifen, oder religiöse Folklore, in die man "das Eigentliche" erst eintragen muss? Kristian Fechtner bietet den Grundris seiner praktischen Theologie der Kasualien und unternimmt vier Erkundungsgänge in das Feld heutiger Kasualpraxis bei Heirat und Taufe, Konfirmation und Beerdigung: Konkrete Beobachtungen und wache Interpretationen gegen Zweifel und Unsicherheiten in der Kasualpraxis.


Bereitgestellt: 22.09.2009      
aktualisiert mit kirchenweb.ch