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Andreas Bänziger

Studienurlaub Pfr. Andreas Bänziger (7)

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Filmfestival Locarno: Marga Spiegel

Ein Kurs am Filmfestival von Locarno.
Ziel:
Die Teilnehmenden beschäftigen sich anhand der gezeigten Filme mit Herausforderungen und dem Lebensgefühl heutiger Menschen. Sie ergründen die religiöse Dimension von Filmen. Sie bekommen Impulse für das Arbeiten mit Filmen in ihrer beruflichen Tätigkeit.
Pfr. Andreas Bänziger,
Inhalt:
„Kino ist ein Ort des Rituals. Mit dem Filmbesuch wird der Alltag unterbrochen, es ereignen sich auch Momente der Verdichtung von Erfahrungen, die uns stark bewegen. Insofern ist das Kino auch ein Ort der religiösen Erfahrung“ (Charles Martig).

Der Kurs in Locarno (ein „Klassiker“, den wir alle zwei Jahre anbieten) gibt Raum, kulturellen, sozialen, politischen oder eben auch religiösen Färbungen eines Films nachzuspüren. Im Filmgespräch in der Gruppe werden Erfahrungen, Beobachtungen und Interpretationen ausgetauscht.
In einer anregenden sommerlichen Ambiance erwartet uns das grösste Freiluftkino der Welt mit einer riesigen Leinwand, vor der sich am Abend bis zu 10'000 Menschen einfinden.

Jeden Tag stehen ca. zwei „Pflichtfilme“ und Sequenzen in der Kursgruppe auf dem Programm. Dazu gehören auch Begegnungen z.B. mit einer Regisseurin oder einem Mitglied der ökumenischen Jury. Daneben bleibt Zeit, selber bzw. in Gruppen einzelne Filme anzuschauen

Teilnehmende:
Pfarrer/innen und weitere kirchliche Mitarbeitende;
Lehrer/innen (Zusammenarbeit mit LEBE: Lehrerinnen und Lehrer Bern)

Leitung:
• Christine Stark , Theologin. Filmbeauftragte der Ref. Medien, Zürich
• Hans Hodel, Ehem. Filmbeauftragter, Präsident INTERFILM, Bern
• Hermann Kocher, Pfr. Dr. theol., Leiter der Fachstelle Weiterbildung (pwb), Bern
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Datum: 05.08.2009 bis 09.08.2009
(Beginn: 14.30 Uhr; Schluss: 12.00 Uhr)

Ort: Locarno
(Unterkunft: Hotel Dell'Angelo neben der Piazza Grande)

Filmfestival in Locarno, 5.-9.8.2009
Mittwoch, 5.8.2009:

Im bis auf den letzten Platz besetzten Intercityzug geht die Reise durch den Gotthard. In Locarno angekommen beziehe ich mit einem älteren Berner Kollegen zusammen ein Zimmer im Hotel dell‘ Angelo, direkt am Ende der Piazza Grande.
Nach einem Getränk, spendiert vom Kursleiter Hermann Kocher, geht’s zum Kurslokal, wo erste Informationen über den Kurs vermittelt werden.
Danach geht’s zum grossen Kinosaal, wo der Film ‚Vitus‘ in gekürzter Form gezeigt wird, mit live gespielter Filmmusik am Ende des Films; dabei wird das Klavierkonzert von Schumann, das im Film nur kurz angespielt wird, in ganzer Länge aufgeführt mit dem rumänischen Hauptdarsteller, der den 12-jährigen Vitus gespielt hat. Der jetzt 16-jährige Pianist spielt wirklich virtuos, begleitet vom Orchester des Tessiner Radios.
Danach essen Regina und ich philippinisch im grossen Kreisel, bevor es zur Piazza Grande geht, wo man sich schon eine Stunde im Voraus einen Platz reservieren muss. Der Hauptfilm am Abend heisst ‚500 days of summer‘, eine Liebeskomödie der etwas anderen Art. Amüsant wird in einzelnen Puzzleteilen die Geschichte einer Beziehung erzählt, nicht chronologisch, sondern wie die Erinnerung in einzelnen Episoden wild durcheinander. Die Quintessenz dieser Dekonstruktion ist, dass Liebe nur Zufall ist und es keine sogenannte Bestimmung oder ein Schicksal gibt. Ein typisch postmoderner Film, der die Beliebigkeit von Beziehungen beschreibt, wie sie heutige (junge) Menschen erfahren. Der Film hinterlässt bei mir das ungute Gefühl, dass durch solche Beliebigkeit etwas wichtiges verlorengeht, das Wissen um eine höhere, göttliche Berufung und Bestimmung.

Donnerstag, 6.8.2009:
Am Vormittag steht ein Filmgespräch in der Gruppe auf dem Programm. Jeder Kursteilnehmer beschreibt kurz einen Lieblingsfilm und was dieser ihm aus theologischer Sicht bedeutet.
Am Nachmittag stehen zwei Filme auf dem Programm, die ein schweres Schicksal darstellen. Zuerst ein südafrikanischer Film, ‚Shirley Adams‘, über eine Mutter, die ihren nach einer Schiesserei tetraplegischen Sohn pflegt. Pikanterweise wurde er von einem anderen jungen Mann angeschossen, mit dem er früher als Kind gespielt hatte. In diesem Film verfolgt die Kamera den aufopfernden Einsatz dieser Mutter sehr nah; man sieht häufig ihre Schultern von hinten. Die Kameraführung ist sehr unruhig, man ist dadurch sehr nah dran an diesem schweren Schicksal. Schliesslich ertränkt sich der Sohn in der Badewanne und setzt so seinem Leiden ein Ende. Am Schluss sieht man die Mutter mit der Urne am Meeresstrand. Die Frage bleibt: Wo ist da Hoffnung? Vielleicht ein kleiner Lichtstrahl der Hoffnung bricht in diese triste Geschichte herein, als die Mutter nach dem Tod ihres Sohnes von der Mutter des Mörders zum Tee eingeladen wird und die beiden Frauen trotz dem Schmerz über das Geschehene sich die Hände halten; eine Art versöhnlicher Ausblick darauf ,wie zerbrochene Beziehungen doch wieder Versöhnung erfahren können.

Der zweite Film portraitiert einen japanischen Jugendlichen, der in äusserster Armut leben muss. Seine Mutter ist schwer krank im Spital er kann die Rechnungen nicht bezahlen, sein Vater hat die Familie verlassen und eine neue gegründet. In endlos langen Einstellungen geht man diesem Jugendlichen nach. Der Film hat keine Spannung, ist nur eine Tortur, die wackligen Bilder nerven; ich frage mich, warum man sich sowas antut. Der aus meiner Sicht unprofessionelle Film vermittelt zwar ein bedrückendes Bild von Armut, er lässt aber nicht mal einen Funken Hoffnung aufkommen. Ich verstehe überhaupt nicht, warum er trotzdem von gewissen Filmkritikern positiv gewertet wird.

Am Abend, nach dem gemeinsamen Abendessen, steht auf der Piazza Grande dagegen ein berührender und eindrücklicher Film auf dem Programm: ‚unter Bauern‘. Eine Verfilmung einer wahren Geschichte, wie während des zweiten Weltkriegs eine katholische Bauernfamilie in Westphalen eine jüdische Familie auf ihrem Bauernhof versteckt hat und ihr so das Leben gerettet hat. Besonders eindrücklich die Einführung, bei der neben dem holländisch-jüdischen Regisseur auch die 97-jährige Marga Spiegel, die dies erlebt und aufgeschrieben hat, zusammen mit der Bauernfrau auf der Bühne steht, daneben die Schauspieler, die ihre Rollen spielen.
Der Film lässt einen die unglaubliche Spannung miterleben, unter der diese Menschen stehen, während sie die Gratwanderung der Menschlichkeit mitten in einer unmenschlichen Zeit unternehmen. Ein Film, den man gut im Unterricht zeigen könnte, vielleicht etwas gekürzt. Hier verstehe ich wiederum nicht, warum gewisse Filmkritiker diesen Film nur mittelmässig finden.

Freitag, 7.8.2009:
Heute können wir etwas länger ausschlafen, da erst um 11 Uhr ein Filmgespräch im Plenum und anschliessend in Gruppen auf dem Programm steht.
Am Nachmittag schauen wir im FEVI (grossen Kinosaal) den Film ‚La Donation‘ vom quebec-kanadischen Anthropologen und Filmemacher Bernard Émond. In einer Trilogie hat er zu den Themen ‚Glaube‘, ‚Hoffnung‘ und ‚Liebe‘ je einen Film gedreht. Dies ist also der dritte Film, in dem es um einen älteren Landarzt geht, der sich füpr eine heruntergekommene Kleinstadt einsetzt, in der früher Minenarbeiter tätig waren. Heute ist alles am Sterben, die jungen Leute gehen anderswohin. Der Arzt bleibt, weil er sich hier nützlich machen kann durch Hausbesuche und seine fast eher seelsorgerliche Tätigkeit auf der Geriatriestation des Spitals. Nun ist er müde und verbraucht und sucht deshalb eine Stellvertreterin für eine gewisse Zeit, die gleichzeitig seine Nachfolgerin werden könnte. Der Film geht der Frage nach, wie diese Frau mit dieser Situation umgeht. Zunächst will sie sich als Retterin aufspielen, merkt aber bald, dass sie bescheidenere Ziele verfolgen muss. Sterben verhindern kann sie nicht, nur Leben verlängern und Schmerzen lindern. Die Protagonisten des Films verstehen sich selbst nicht als Gläubige, sie handeln aber nach dem Motto: „Liebe deinen Nächsten...“. Muss diese Liebe bis zur Selbstaufopferung gehen?
Im anschliessenden Gespräch mit dem Regisseur und Autor des Films zeigt sich seine Haltung. Er versteht sich nicht als Gläubiger, wurde aber katholisch erzogen und fühlt sich stark von diesem Erbe geprägt und angezogen. Seine Diagnose der Welt ist sehr scharf und biblisch-profetisch: Er diagnostiziert eine schwere Krankheit der heutigen Gesellschaft, die sich dem Entertainment und dem Geld verschrieben hat und keine wahren Werte mehr kennt. Er ist dabei offen für den christlichen Glauben und diskutiert gerne mit Gläubigen, die auch Fragende sind, obwohl er selber diesen Glauben nicht teilen könne. Ein Kernsatz, den er mehrmals wiederholt: „I have a tragic sense of existence.“ Es wäre ihm zu wünschen, dass er nicht nur die Diagnose sieht, sondern auch das Heilmittel des Evangeliums für sich selber entdecken könnte.
Am Abend wollen wir auf der Piazza Grande den Film ‚My Sisters Keeper‘ von Nick Cassavetes mit Cameron Diaz in einer Hauptrolle sehen. Genau als Frédéric Maire auf die Bühne tritt, bricht ein richtiges Tessiner Gewitter los. Als es auch noch zu hageln beginnt, verlassen wir den Platz; ich stehe auf der Seite unter einem der Arkaden unter. Von dort sehe ich den Film bis zum Ende, allerdings übertönt das Gewitter jeden Ton, ich kann nur einigermassen die deutschen Untertitel lesen. Der Film erzählt von einer Familie, die, um ihr leukämiekrankes Mädchen zu therapieren, ein weiteres Designerkind im Reagenzglas zeugen lässt. Mit 11 Jahren lehnt dieses Mädchen es ab, seine Niere zu spenden und kämpft mit Hilfe eines Anwalts für seine „medizinische Mündigkeit“. Es bekommt schliesslich Recht, in der Zwischenzeit ist aber seine Schwester bereits gestorben. Und die Mutter, deren Leben sich nur auf die Rettung ihrer kranken Tochter verengt hatte, muss lernen loszulassen und diesen Tod anzunehmen.

Samstag, 8.8.2009:
Der russische Film ‚Buben.Baraban‘ zweigt die düsteren Lebensumstände einer Frau im Russland der 90-er-Jahre. Die Bibliothekarin, Verwalterin der Kultur, schlägt sich durchs schwierige Leben in einem heruntergekommenen Bergbaustädtchen, indem sie nebenbei Bücher aus der Bibliothek auf dem Bahnhof verkauft. Als ein dahergelaufener ehemaliger Strafgefangener ein Buch in die Bibliothek zurückbringt, das von dort verkauft worden war, verliebt die Bibliothekarin sich in ihn und träumt von einem schöneren Leben. Aber der Dahergelaufene entpuppt sich als Betrüger. Als er mit der jüngeren Bibliotheksmitarbeiterin schläft, möchte ihn die Bibliothekarin umbringen lassen. Ein düsterer Film, der die schwierigen Lebensumstände und den Ausverkauf der Kultur im nachkommunistischen Russland zeigt; vieles bleibt dabei im Dunkeln und für Nichteingeweihte unverständlich.
Nach einem Gespräch mit Mitgliedern der ökumenischen Filmjury und anschliessendem Pizzaessen sehen wir im Kursaal den Film ‚Complices‘ vom Walliser Regisseur Frédéric Mermoud. In diesem Krimi erzählt er die Geschichte eines jungen Pärchens, das sein Geld mit Prostitution verdient. Gleichzeitig geht es um den Polizisten, der den Mord am jungen Mann aufklären muss. Sehr gekonnt erzählt der Regisseur immer wieder ein Stück der Ermittlungen und dann wieder das entsprechende Geschehen aus der nahen Vergangenheit, das dadurch aufgedeckt wird. Dabei erfahren wir, wie nicht nur das junge Mädchen, das noch zur Schule geht, zur Komplizin ihres Freundes wird, der als Strichjunge arbeitet, sondern auch wie der Kommissar mit seiner Lebensgeschichte in dieses Geschehen verwickelt wird und zuletzt auch zum Komplizen wird, indem er das Mädchen deckt, das (in Notwehr) einen Totschlag an einem Klienten begangen hat. Ein sehr gut gemachter Film, der die Abgründe zeigt, in die junge Menschen ohne Werte geraten können, die nur nach dem hedonistischen Zeitgeist leben wollen.
Nach einer Besprechung im Kurslokal, wo es um Methoden der Filmarbeit geht, und einem Nachtessen schauen wir auf der Piazza Grande den Schweizer Film ‚Giulias Verschwinden‘. Ein lustiger Film über das Älterwerden. Eine Gruppe von etwa 50-Jährigen feiert den 50. Geburtstag einer Frau (Giulia). Diese hat aber keine Lust, diesen Geburtstag, der sie ans Älterwerden erinnert, zu feiern und so lässt sie sich von einem charmanten älteren Herrn, gespielt von Bruno Ganz, zu einem Drink verführen. Dieser Mann gibt sich als zeitlos und unterhält Giulia mit geistreichen und tiefsinnigen Aussagen und Witzen. Während dieser Zeit sitzen ihre Freunde im Restaurant und erwarten Giulia, die nicht einmal Anrufe aufs Handy beantwortet. Schliesslich erscheint sie dann doch noch und die Geburtstagstorte kann angeschnitten werden. Während des ganzen Films, der eigentlich wenig Handlung enthält, werden ständig Sprüche über das Älterwerden geklopft. In die Geschichte hinein verwoben werden auch noch zwei Schulmädchen, die in einem Modegeschäft Schuhe klauen und die Geburtstagsfeier in einem Altersheim, die ziemlich ausser Kontrolle gerät, weil die 80-Jährige sich gar nicht erwartungsgemäss benimmt. Ein unterhaltsamer Film, wenn auch nicht auf sehr hohem geistigem Niveau.

Insgesamt haben mir die Kurstage in Locarno sehr gut gefallen. Auch der Austausch mit den bisher unbekannten Kollegen und Kolleginnen war interessant und bereichernd. Filme sind ein sehr guter Spiegel des Zeitgeistes und bieten viele Möglichkeiten, über das Evangelium und wichtige Lebenswerte ins Gespräch zu kommen.
Bereitgestellt: 12.08.2009      
aktualisiert mit kirchenweb.ch