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Andreas Bänziger

Studienurlaub Pfr. Andreas Bänziger (6)

Nicholas Thomas Wright (Foto: Andreas Bänziger): anglikanischer Bischof von Durham und Neutestamentler in Oxford

Nicholas Thomas Wright (Foto: Andreas Bänziger): anglikanischer Bischof von Durham und Neutestamentler in Oxford

N.T.Wright: Surprised by Hope – Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church, HarperCollins, 2008.
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Ein spannendes Buch des Neutestamentlers N.T. Wright über die christliche Hoffnung der Auferstehung. Dieses Buch hat das Potential, festgefahrene Meinungen über das Christentum aufzubrechen.
Pfr. Andreas Bänziger,
Einleitung:
Worauf warten wir? Und was sollen wir in der Zwischenzeit tun? Viele Christen wissen nicht, worin die christliche Hoffnung wirklich besteht. Die Kirche muss die klassische christliche Antwort auf den Tod und was danach kommt, wiederentdecken: die zukünftige, leibliche Auferstehung. Was bedeutet es, dass nach dem NT Gottes Königreich auf diese Erde kommt, nicht wir in den Himmel? Zwar sehen wir jetzt nur durch einen trüben Spiegel, wie Paulus im 1.Kor. 13 sagt, das bedeutet aber nicht, dass wir nur raten können und jede Meinung gleich gut ist.

1. All dressed up and no place to go?
Die Reaktion der Öffentlichkeit auf Ereignisse wie 1997 der Tod von Prinzessin Diana, der 11. September 2001 oder der Tsunami 2004, zeigt eine Mischung von Glaube, Halbglaube, Gefühl und Aberglaube. Welche ultimative Hoffnung gibt es aus dem christlichen Glauben? Und was bedeutet das für die jetzige Welt? Christliche Hoffnung beruht auf der Erwartung einer neuen Schöpfung, und insofern diese Hoffnung in Jesus von Nazareth bereits Gestalt gewonnen hat, bedeutet sie auch viel für die jetzige Zeit und Welt. Ich bin überzeugt, schreibt Wright, dass die meisten Leute, inklusive die meisten praktizierenden Christen, ein Durcheinander haben und fehlgeleitet sind bezüglich dieses Themas und dass dieses Durcheinander schwerwiegende Fehler in unserem Denken, Beten, in der Liturgie, im Handeln und vor allem in unserer Mission gegenüber der Welt hervorbringt.
Von Plato bis Hegel und darüber hinaus haben bedeutende Philosophen erklärt: Was wir über den Tod und das Leben danach denken, bestimmt alles andere. Nur ein kleiner Blick auf die grossen Religionen offenbart die Lüge, alle Religionen seien gleich. Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert haben die Idee einer Hölle in der westlichen Welt unglaubwürdig gemacht; es gab so viel ‚Hölle auf Erden‘, dass man sich seither nicht mehr vorstellen kann, dass Gott eine Hölle schaffen könnte. Wir leben heute in einer Kultur, wo der Tod verschwiegen wird. Es gibt verschiedene Meinungen darüber, was nach dem Tod kommt: Einige glauben, dass der Tod das Leben ganz vernichtet. Immer mehr Leute glauben an irgend eine Form der Reinkarnation. Die meisten Leute aber haben einfach keine Ahnung, was der christliche Glaube dazu sagt.

2. Puzzled about paradise?
Für den Christen ist der Tod ein Feind, aber er ist ein geschlagener Feind. Wir glauben an die Auferstehung des Leibes. Aber tun wir das wirklich? Früher zeigte sich diese christliche Hoffnung in der Beerdigung der Toten in Richtung Osten, damit der Tote Christus begegnen kann, wenn dieser kommt. Populäre Vorstellungen heute reden davon, dass wir nach dem Tod in den Himmel kommen, an einen wunderbaren Ort, wo man auf einer Wolke sitzt. (z.B. Maria Shriver, die Frau Arnold Schwarzeneggers und Nichte John F. Kennedys: What’s Heaven?) Das ist aber nicht, was das Neue Testament lehrt! Wenn Jesus im Matthäusevangelium vom Königreich der Himmel spricht, meint er nicht unser Sein nach dem Tod, sondern er spricht von Gottes Herrschaft, die auf die Erde kommt. Die Wurzel des Missverständnisses ist sehr tief, sie geht zurück auf den Platonismus. Auch wenn die Offenbarung in Kapitel 4 und 5 die 24 Ältesten beschreibt, die im Himmel vor dem Thron Gottes und des Lammes anbeten, spricht sie nicht davon, dass die Erlösten zuletzt im Himmel sind, sondern dies ist ein Bild der gegenwärtigen Realität, die himmlische Dimension unseres gegenwärtigen Lebens. In Kapitel 21 und 22 beschreibt die Offenbarung dann auch die letzte Zukunft nicht als die erlöster Seelen im Himmel, sondern als neues Jerusalem, das aus dem Himmel auf die Erde kommt.
Die heutigen Bestattungsbräuche zeigen eine Tendenz zum Buddhismus und Hinduismus (Kremation), weg von der biblischen Hoffnung auf die leibliche Auferstehung hin zu einem unbestimmten Optimismus, dass am Ende irgendetwas Gutes herauskommt. Dabei wird – wie im Platonismus – das leibliche Leben abgewertet als ‚leere Schatten‘. Der christliche Glaube an die Auferstehung hingegen war immer verbunden mit einer starken Sicht für Gottes Gerechtigkeit und seine gute Schöpfung. Englische Evangelikale hörten etwa zur gleichen Zeit auf, sich für die Verbesserung der Gesellschaft einzusetzen, als sie den Glauben an die leibliche Auferstehung mehr oder weniger ersetzten durch den Glauben an einen Himmel für körperlose Seelen. Nach der Bibel (1.Tim. 6,16) hat nur Gott allein Unsterblichkeit; die Idee, jede menschliche Seele besitze Unsterblichkeit, kommt nicht aus der Bibel sondern aus dem Platonismus.
Daraus ergeben sich verschiedene Fragen: Was sagt die Bibel über die Zukunft des Kosmos? Was meinen wir, wenn wir bekennen, dass Jesus Christus „wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten“? Was sollten wir glauben bezüglich der Auferstehung des Leibes und des ewigen Lebens? Daraus ergibt sich eine weitere Frage: Wo sind die Verstorbenen jetzt, vor allem die Christen? Weiter die Frage: Wie können Christen angemessen trauern? Und vor allem: Wie können wir aus der biblischen Hoffnung heraus in unserer Zeit und Kultur leben?

3. Early Christian Hope in its historical Setting
Unter Anwälten gilt es als Selbstverständlichkeit, dass Augenzeugen sich widersprechen aber dies nicht bedeutet, dass nichts geschehen ist. So ist es auch mit der Auferstehung Christi. In Details unterscheiden sich die Berichte darüber und scheinen sich sogar zu widersprechen, aber das ist eher ein Zeichen, dass die Berichte echt sind und nicht konstruiert. Was aber war wirklich geschehen? War das Grab wirklich leer und was sollen wir von der Auferstehung halten?
In der Antike galt der Tod als unüberwindlich. Die meisten in der Antike glaubten an ein Leben nach dem Tod (im Jenseits), aber nicht an eine Auferstehung wie im Judentum und Christentum. Die Auferstehung im Judentum bezog sich auf den jüngsten Tag, wo alle Menschen leiblich auferweckt werden sollen. Wenn Jesus selbst seinen Jüngern gegenüber von seiner Auferstehung nach drei Tagen sprach, so verstanden sie es überhaupt nicht. Dass ein Mensch vorzeitig leiblich auferstehen würde, kam in der Antike niemandem in den Sinn. Entweder glaubte man an ein Leben im Jenseits oder an eine Auferstehung am jüngsten Tag, aber die Idee, dass mit Jesus die Auferstehung bereits begonnen habe, war für Juden und Heiden völlig fremd. So verstanden sowohl Juden wie Heiden die Kreuzigung Jesu als ‚game over‘-Tatsache, als Beweis, dass das Königreich Gottes, von dem Jesus gesprochen hatte, nicht gekommen war. Und so war auch die Hoffnung der Jünger an diesem Punkt völlig zerstört.
Die Auferstehung Christi war auch für die Jünger eine völlige Überraschung, und sie prägte die christliche Hoffnung. Christen glaubten nicht einfach an ein Leben nach dem Tod; sie sprachen nie davon, in den Himmel zu kommen nach dem Tod. Wenn sie vom Himmel sprachen, dann als von einer zeitlichen Zwischenphase bis zur Auferstehung des Leibes. Wenn Jesus davon sprach, dass es in des Vaters Haus viele Wohnungen gibt, dann bedeutet das griechische Wort (mone) eine vorübergehende Bleibe, keine endgültige Wohnung. Dabei wurde der jüdische Glaube an die Auferstehung in 7 entscheidenden Punkten verändert:
1. In der frühen Christenheit (1.+2. Jahrhundert) gab es im Gegensatz zum Judentum praktisch keine Unterschiede in Bezug auf den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Alle Christen glaubten – wie die Pharisäer – unisono an die leibliche Auferstehung. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass es im Judentum dazu verschiedene Anschauungen gab (die Sadduzäer glaubten nicht an eine Auferstehung).
2. Im Judentum zur Zeit Jesu war der Glaube an die Auferstehung wichtig, aber nicht zentral. Für die Christen hingegen war er absolut zentral. Ohne den Glauben an die leibliche Auferstehung fällt das ganze NT in sich zusammen, das sagt Paulus auch so im 1.Kor. 15.
3. Während im Judentum die Vorstellung von der Auferstehung des Leibes vage blieb, war es für die Christen klar, dass die Auferstehung mit einem verwandelten physischen Leib zu tun hat. Während es in Daniel 12 von den Gerechten heisst, sie leuchteten wie Sterne, wird diese Vorstellung im NT nicht erwähnt.
4. Im Gegensatz zum Judentum glaubten die Christen daran, dass die Auferstehung in zwei Akten stattfindet: zuerst ist Christus mitten in der Geschichte auferweckt worden; er hat vorweggenommen, was am Ende der Zeit mit allen geschehen soll. Diese Vorstellung ist völlig neu und einmalig in der antiken Welt.
5. Die Christen hatten eine ‚collaborative Echatologie‘, wie Dominic Crossan herausgefunden hat: Sie glaubten, dass Gott sie berufen habe, mit ihm zusammen das Reich Gottes auf Erden auszubreiten und so die letzte Auferstehung vorzubereiten.
6. Für die Christen hatte die Auferstehung eine andere metaphorische Bedeutung als für die Juden. Für die Juden ging es dabei um die Rückkehr aus dem Exil und die Wiedererrichtung Israels. Die Christen verbanden die Auferstehung mit der Taufe, es ging dabei um die Erneuerung der Menschheit insgesamt.
7. Für die Christen galt Jesus als der Messias wegen seiner Auferstehung. Im Judentum hatten diese beiden Vorstellungen wenig miteinander zu tun. Weil Christus auferstanden war, glaubten die Christen, dass er der Herr ist und nicht Cäsar.
Woher kam dieser Glaube? Warum modifizierten die Christen die jüdische Lehre von der Auferstehung in dieser Weise? Das verlangt nach einer historischen Erklärung.

4. The strange story of Easter
Bei den Osterberichten in den vier Evangelien handelt es sich um sehr alte mündliche Überlieferungen, aus vier Gründen:
- sie enthalten sehr wenig Bezug zum AT, d.h. es gibt noch fast keine Reflexion darin über die biblische Bedeutung des Geschehens.
- die Frauen als erste und als Haupt-Zeugen der Auferstehung deuten ebenfalls auf eine sehr frühe Tradition hin. Bei mehr Reflexion hätte man, wie bei Paulus im 1.Kor. 15, die Frauen weggelassen, da sie als Zeugen in der antiken Welt nichts galten.
- der Auferstandene erscheint irgendwie als normaler Mensch, obwohl sein Körper verwandelt wurde. Es wird nichts vom Leuchten wie Sterne berichtet, wie man erwarten könnte, wenn die Geschichte sich aufgrund der biblischen Tradition (Daniel 12) gebildet hätte.
- die Berichte erwähnen nichts über die zukünftige Hoffnung der Christen. Wären sie später zusammengestellt worden, so hätte man sicher Bezug genommen zur christlichen Auferstehungshoffnung. Die Interpretation der Auferstehung Jesu lautet in den Evangelien aber nur: Jesus ist auferstanden, also ist er der Messias und als solcher der wahre Herr. In ihm beginnt die neue Schöpfung.
„Die Geschichten (von der Auferstehung in den Evangelien), obwohl später leicht bearbeitet und niedergeschrieben, sind grundsätzlich sehr, sehr früh entstanden. Sie sind nicht, wie so oft vorgeschlagen, Legenden, die viel später aufgeschrieben worden waren, um eine pseudohistorische Basis für eine im Wesentlichen private, innere Erfahrung zu bilden.“
Wir können also festhalten: Die ersten Christen waren, was sie waren, nicht aufgrund einer inneren spirituellen Erfahrung, sondern aufgrund von etwas, das geschehen war. Zwei Dinge müssen wirklich geschehen sein, um die Entstehung der frühen Kirche zu erklären:
1. Das Grab war wirklich leer, 2. Die Jünger begegneten Jesus wirklich in einer Weise, die sie überzeugten, dass er leiblich auferstanden war und nicht nur ein Geist oder eine Erscheinung war. Wenn das Grab nicht wirklich leer gewesen wäre, ausser den Grabtüchern, dann hätte früher oder später jemand die Knochen gesammelt, was genug Beweis gegen die Theorie von der Auferstehung gewesen wäre. Wäre nur das Grab leer gewesen, aber der Auferstandene nicht in leiblich überzeugender Weise den Jüngern begegnet, so hätten sie andere Erklärungen gefunden als die von der Auferstehung.
Das leere Grab und die Begegnungen mit dem Auferstandenen sind also historisch so gut bezeugt, wie es nur möglich ist. Es gibt keine plausible Erklärung dafür, ausser dass Jesus wirklich leiblich auferstanden ist. „Die beste historische Erklärung ist, dass Jesus von Nazareth, nachdem er vollständig tot war und begraben worden war, wirklich zum Leben erweckt wurde am dritten Tag mit einem erneuerten Leib, einem in neuer Weise physischen Leib, der ein leeres Grab hinter sich liess, weil er das Material des ursprünglichen Leibes Jesu gebraucht hatte, und der neue Eigenschaften besass, wie es niemand vorausgesehen oder sich vorgestellt hatte, der aber bedeutende Änderungen im Denken derjenigen hervorbrachte, die ihm begegnet sind. Wenn so etwas geschehen ist, erklärt dies perfekt, warum das Christentum begann und die Form annahm, die es hatte.“
Obwohl die leibliche Auferstehung Jesu also eine perfekte historische Erklärung für die Entstehung des Christentums darstellt, kann man mit historischen Argumenten allein niemanden davon überzeugen. Wenn Jesus wirklich leiblich auferstanden ist, so ist dies nicht nur das Zentrum der Geschichte, sondern auch jeder Erkenntnis überhaupt. Trotzdem ist der Umkehrschluss aufgrund der Analogie, wie er seit der Aufklärung immer wieder vorgebracht worden ist, nicht statthaft: Normalerweise bleiben Tote tot, also kann Jesus auch nicht auferstanden sein. Die ersten Christen glaubten nicht, Jesu Auferstehung sei ein Ereignis, wie es immer wieder auftritt. Sie wussten genau, dass dies ein ausserordentliches, einmaliges Ereignis darstellt, das alles andere in einem neuen Licht erscheinen lässt. Durch die Auferstehung Jesu stehen wir vor der Herausforderung der neuen Schöpfung; ob als Theologe, Historiker oder Naturwissenschaftler, dieses Ereignis ist zentral für unsere Weltsicht. Die wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens treffen wir im Übrigen nicht aufgrund unseres aufklärerischen Verstandes allein. Denken wir an Thomas, der die Auferstehung Jesu zuerst nur aufgrund von handfesten Beweisen akzeptieren wollte, als er aber Jesus sah, vor ihm auf die Knie sank und stammelte: „Mein Herr und mein Gott!“
Der Glaube an Jesus als Auferstandenen überschreitet zwar das Historische und das Naturwissenschaftliche, es beinhaltet es aber auch. Der Glaube lebt nicht in einer völlig getrennten Sphäre, sondern er umfasst alles. Hoffnung ist für den Christen nicht bloss Wunschdenken, sondern ein Wissen, dass die neue Schöpfung geschehen kann (und wird). Die Begegnung des Auferstandenen mit Petrus (Joh. 21) zeigt, dass der Glaube an die Auferstehung verbunden ist mit einer neuen Art von Liebe. Wie Wittgenstein gesagt hat: „Nur Liebe glaubt an die Auferstehung.“

5. Cosmic Future: Progress or Despair?
In der westlichen Kultur sind wir es gewohnt, von der Auferstehung Christi direkt zur persönlichen Hoffnung für den einzelnen Gläubigen zu kommen. Die Bibel steckt aber einen weiteren Rahmen. Sie spricht von Gottes (neuer) Schöpfung, von Himmel und Erde. Deshalb wollen auch wir mit der biblischen Vision einer zukünftigen Welt beginnen: der utopische Traum einer Welt, die durch die Evolution immer besser wird, ist eine Parodie der christlichen Vision. Mit dem Mythos des Fortschritts aufgrund der Evolution wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert sogar der Krieg legitimiert (als ‚survival oft he fittest‘). Das Problem des Fortschrittsglaubens ist, dass er mit dem Bösen nicht zurechtkommt. Die Evolutionstheorie gab dem Fortschrittsglauben eine pseudowissenschaftliche Begründung, die Naturwissenschaft selbst taugt aber dafür nicht wirklich. Die kosmologischen Szenarien reden entweder von einer endlosen Ausdehnung und Abkühlung des Weltalls oder im Gegenteil davon, dass das ganze Weltall wieder in sich zusammenfällt. Schon viel früher könnte ein Meteorit alles Leben auf der Erde auslöschen. Keine dieser naturwissenschaftlichen Theorien bietet irgendeine Zukunftshoffnung.
Eine andere Anschauung ist der Platonismus. Er wertet alles Materielle ab und bewertet nur die geistige Welt als positiv. Der Platonist möchte wie im Hinduismus und in der Gnosis den Körper loswerden und damit die Sterblichkeit. Manche meinen, dies entspreche der christlichen Anschauung, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt. Säkularisten kritisieren deshalb manchmal die Christen, sie würden zum ökologischen Desaster beitragen, weil sie ja an den Himmel glauben. Obwohl darin ein Körnchen Wahrheit steckt, ist es ein Missverständnis des christlichen Glaubens. Die zentrale Hoffnung des christlichen Glaubens ist, dass Gott der Schöpfer die ganze Welt erneuern will, wie er es in der Auferstehung Jesu Christi gezeigt hat.

6. What the whole world’s waiting for
Die ersten Christen waren keine Anhänger des Fortschrittsglaubens; sie wussten, dass Gott etwas Neues tun muss, um die Welt in Ordnung zu bringen. Sie waren aber auch keine Dualisten, die einer Welt entfliehen wollten, weil sie glaubten, es werde alles immer schlechter. Sie glaubten, dass Gott für die ganze Welt tun würde, was er mit Jesus an Ostern getan hatte.
Grundlegend dafür waren die Anschauungen zur Schöpfung, zum Problem des Bösen und zum Erlösungsplan.
a) Die Schöpfung ist gut und reflektiert Gott.
b) Das Böse besteht aus Rebellion gegen Gott und Verehrung von Teilen der Welt. Die Rebellion gegen Gott führt zum Tod als Ausgeschlossensein (Exil) von Gottes Güte.
c) Der Erlösungsplan Gottes beinhaltet die Befreiung der gesamten Schöpfung von der Sklaverei der Sünde. Die ganze Schöpfung soll mit Gott versöhnt werden. Dies wurde in Jesus Christus offenbart. Darum sprach er in Bezug auf das Reich Gottes von Saat und Ernte, von Geburt und Neugeburt und von der Hochzeit. Auch Paulus lehrt, speziell im Kolosserbrief, eine Theologie der neuen Schöpfung. Wenn er davon spricht, dass wir ‚Bürger des Himmels‘ seien, dann meint er nicht, dass wir nach dem Tod ‚in den Himmel gehen‘, sondern er spricht davon, dass Jesus vom Himmel kommen wird auf die Erde, um alles neu zu machen. Wenn dies geschehen ist, am Ende, wird Gott ‚alles in allem‘ sein (1.Kor. 15,28). Wie schon Jesaja gesagt hatte (Jes. 65+66), die ganze Erde wird erfüllt sein von der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes. Das Bild von der Hochzeit des Lammes im NT sagt, dass Himmel und Erde zusammenkommen.
Die Schöpfung braucht also weder, dass wir sie aufgeben, noch dass sie sich durch Evolution verbessert, sondern sie braucht Erlösung und Erneuerung. Dies hat mit der Auferstehung Jesu von den Toten begonnen.

7. Jesus, Heaven, and new Creation
Die Himmelfahrt Christi ist nicht ein komisches Extra zum christlichen Glauben, sondern der grundlegende Glaube, dass Jesus Herr ist und im Kontrollraum (Himmel) sitzt. Die Verkündigung des Evangeliums beinhaltete also für die ersten Christen die Ansage, dass ein neuer CEO das Kommando übernommen hat. Himmel und Erde sind nicht zwei völlig verschiedene und weit entfernte Orte, sondern sie gehören zusammen. Wenn der Herr kommt, werden Himmel und Erde in eine neue Verbindung kommen.
Die Überbetonung der Wiederkunft Christi in Teilen der amerikanischen Christenheit (‚left behind‘-Serie, Entrückung) kontrastiert mit einer Marginalisierung derselben im europäischen Christentum. Beides ist ein Missverständnis des Neuen Testaments. Die Eschatologie ist eine zentrale Facette des Evangeliums; es geht nicht nur um die ‚letzten Dinge‘, es geht im ganzen NT um das kommende Reich Gottes, durch welches alle Dinge neu werden. Die Lehre von der Entrückung entspricht einem Missverständnis zweier Verse bei Paulus. Zum Teil als Reaktion auf die Betonung dieser Sonderlehre, aber auch aufgrund aufklärerischen Liberalismus, glauben viele Christen nicht mehr an die Wiederkunft Christi. Wenn wir aber die neutestamentlichen Texte, insbesondere Paulus, richtig verstehen, gewinnt das Kommen Christi eine zentrale und vitale Rolle in unserem christlichen Glauben. Es geht dabei nicht um die Zerstörung dieser Welt aus Raum und Zeit, sondern um eine radikale Heilung und Zurechtbringung.

8. When He appears
Gott wird das ganze Universum erlösen, Himmel und Erde werden in neuer Weise zusammenkommen, davon ist Ostern der Prototyp und die Quelle. Davon spricht die Lehre von der ‚Wiederkunft Christi‘, im NT ‚Ankunft Christi‘ (gr. Parousia) genannt. Wo Jesus in den Evangelien vom Kommen mit den Wolken (Anspielung an Daniel 7) spricht, geht es um seine Rechtfertigung nach seinem Leiden, also um sein ‚erstes Kommen‘. Ebenso in den Gleichnissen von der Abwesenheit eines Königs, der zurückkommt. Grundlegend für die Lehre von der Wiederkunft Christi ist Paulus. ‚Parousia‘ bedeutet eigentlich nicht Ankunft oder Wiederkunft, sondern ‚Präsenz‘. Die Lehre vom (zweiten) Kommen Christi basiert auf dem Alten Testament, wo ein neuer ‚Tag des Herrn‘ angekündigt wird. So wie beim Exodus durch Gottes Gegenwart die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei befreit wurden, so wird durch Gottes Präsenz diese Welt erneuert werden.
Wenn Paulus davon spricht, dass die Christen den Herrn in der Luft treffen werden (1. Thess 4,17) meint er nicht (wie in der gängigen Rapture-Theologie), dass sie danach im Himmel bleiben, sondern dass sie mit Christus auf die Erde kommen, um seine Herrschaft aufzurichten bzw. zu vollenden. Das ganze NT lehrt, dass bei der Ankunft Christi die Toten auferweckt werden und die lebenden Christen verwandelt werden, um mit Christus auf der erneuerten Erde zu herrschen. Deshalb der urchristliche (aramäische) Gebetsruf ‚Marana tha‘ = unser Herr komm! Die gängige Entrückungs-Theologie leidet unter einer gnostischen Tendenz (die Christen werden von der bösen Welt weg entrückt in den Himmel).

9. Jesus, the coming Judge
Schon in den Psalmen gilt Gottes Gericht als etwas Gutes: Gott wird die Welt in Ordnung bringen. Eine zentrale Lehre des NT ist, dass Jesus Christus der kommende Richter ist. Die ersten Christen schlossen aus Ostern, dass Jesus der Messias ist und daher naturgemäss derjenige, durch den Gott die Welt in Ordnung bringen wird. Auch für Paulus war Jesus der kommende Richter. Das Gericht nach den Werken ist kein Widerspruch zur Rechtfertigung aus Glauben: Die Rechtfertigung geschieht jetzt in Vorwegnahme des Verdikts in der Zukunft, wenn Gott die Welt richtet. Jesus kommt als Richter wie Mose, der vom Berg Sinai herunterstieg und den Götzendienst im Lager der Israeliten korrigierte. Die Kirche zwischen Auffahrt und Wiederkunft Christi ist deshalb entlastet von der Aufgabe, das Königreich ganz in eigener Kraft aufbauen zu müssen, aber sie ist auch befreit von der Verzweiflung, nichts tun zu können. Die Himmelfahrt und Parusie Christi ist eine radikale Herausforderung an das Gedankengebäude der Aufklärung.

10. The Redemption of our Bodies
In der Kirche gibt es heute keinen Konsens darüber, was passiert, wenn jemand stirbt. Das NT hingegen ist in dieser Sache ganz klar. Der auferstandene Christus ist sowohl das Modell für die Auferstehung des Leibes der Christen wie das Mittel dazu. Wenn Jesus am Kreuz zum Gekreuzigten neben ihm sagt: „heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ so ist damit nicht der Endzustand (die Auferstehung) gemeint, sondern der Zwischenzustand vor der grossen Auferweckung der Toten. Christen gehen also, wenn sie sterben, in die Gegenwart Gottes ein und warten dort auf die Auferstehung zum ewigen Leben. Wenn Jesus im Matthäusevangelium vom Eintritt ins Königreich der Himmel spricht, so meint er damit die Pläne Gottes, die im Himmel für uns bereit sind, deren Ziel die neue Erde ist.
Im Westen haben wir unsere mentale Wohnungseinrichtung in Plato’s Laden gekauft, deshalb müssen wir umdenken. Wenn Paulus in 1.Kor 15 von einem geistlichen Leib spricht, meint er nicht eine rein geistige (körperlose) Existenz, sondern er beschreibt damit den neuen physischen Körper, wie ihn Jesus nach der Auferstehung hatte. Er unterscheidet den jetzigen, von der Seele getriebenen Leib vom zukünftigen, vom Geist angetriebenen Leib, der Teil der neuen Schöpfung ist. Alle frühen Kirchenväter (Ignatius, Justin, Arthenagoras, Irenäus, Tertullian) betonen die körperliche Auferstehung. C.S.Lewis hat richtig gesagt, wir sollten uns den Auferstehungsleib realer, solider und substanzieller vorstellen als unsere jetzigen Körper. Der neue Leib wird frei sein von Krankheit, Verletzung, Verfall und Tod.
Das Ziel des neuen Leibes wird sein, dass wir weise über Gottes neue Welt regieren können. Obwohl das neue Leben ein reines Geschenk der Gnade ist, spricht das NT auch von der Belohnung. Die Belohnung stellt die Kontinuität zum jetzigen Leben dar: Was wir in der Gegenwart für Gottes Königreich aufbauen, ist nicht vergebens; es wird seine Vollendung und Erfüllung in Gottes Zukunft finden. Das ‚ewige Leben‘ meint im NT nicht eine zeitlose Existenz, sondern das Leben in der kommenden neuen Welt. Zwischen unserem Tod und der Auferstehung speichert Gott gewissermassen unsere Software, bis er uns neue Hardware schenkt, um sie wieder laufen zu lassen.

11. Purgatory, Paradise, Hell
Vor dem 16. Jahrhundert glaubten die Christen an eine dreifache Kirche: a) die triumphierende Kirche (die Heiligen, die bereits im Himmel Gott schauen und auf die Auferstehung warten), b) die kämpfende Kirche (wir, die wir noch auf Erden leben) und c) die wartende Kirche (die Verstorbenen im Fegefeuer).
Das Purgatorium (Fegefeuer) ist natürlich eine katholische Lehre, die von den Reformatoren abgelehnt wurde, vor allem wegen des Missbrauchs mit Ablassbriefen. Es ist aber wichtig, zu verstehen, warum diese Lehre entstanden ist. Man dachte, die Christen blieben bis zum Tod im einem sündhaften Zustand und sie brauchten deswegen eine Art Reinigung, bevor sie in den Himmel kommen könnten. Neuere katholische Theologen wie Karl Rahner und Papst Benedikt verstehen aber das Purgatorium anders: Im Zeitpunkt des Todes begegneten wir Gott, der wie ein verzehrendes Feuer sei, diese Begegnung sei genug Reinigung. In reformatorischen Kirchen hat interessanterweise eine gegenläufige Entwicklung stattgefunden, von der ursprünglichen Heilsgewissheit hin zu diffusen Vorstellungen, wie es nach dem Tod weitergehen könnte oder zu universalistischen Ansichten. Nach dem NT ist aber ganz klar, dass unsere letzte Bestimmung nicht ist, in den Himmel zu kommen (im Gegensatz zur Hölle), sondern körperlich auferweckt zu werden zu neuem, verwandeltem Leben wie Jesus Christus. Ausserdem gibt es im NT keinen Hinweis darauf, dass es nach dem Tod verschiedene Kategorien von Christen gibt (Heilige im Himmel und Seelen im Fegefeuer). Paulus spricht zwar in 1.Kor. 3 von Christen, die mit Gold, Silber und Edelsteinen gebaut haben und solchen, die Holz, Heu und Stroh gebaut haben. Er sagt aber nicht, dass die einen direkt in den Himmel gehen würden und die anderen nicht. Es besteht lediglich ein Unterschied darin, dass die Werke der einen Bestand haben, die der anderen nicht, aber beide werden gerettet.
Im NT werden alle Christen (Lebende wie Verstorbene) als ‚Heilige‘ bezeichnet, es gibt also kein Purgatorium als Zeit oder Ort. Das jetzige Leben wirkt als Purgatorium. Der Mythos des Purgatoriums ist also eine Projektion, eine Allegorie des jetzigen Lebens, das in die Zukunft projiziert wird.
Das Paradies ist also der Zwischenzustand, in den alle Christen nach dem Tod kommen, wo sie auf die letzte Auferstehung warten. Ein Zustand der Ruhe und des Glücks. Wenn in diesem Zusammenhang von ‚Schlaf‘ die Rede ist, so meint dies, dass der Leib ‚schläft‘, es ist aber nicht ein unbewusster Zustand gemeint. Es ist ein Aufgehobensein in der Liebe Gottes und der Gegenwart Christi. Man kann dies ‚Himmel‘ nennen, es ist aber interessant, dass das NT selbst dies nicht so benennt. Die ‚Gemeinschaft der Heiligen‘ (lebende und verstorbene Christen) ist eine Realität. Trotzdem werden wir im NT nirgends ermutigt, mit oder zu den Heiligen zu beten. Es macht auch keinen Sinn, wenn wir im Gebet durch Jesus Christus direkten Zugang zum Vater haben, den Umweg über Heilige einzuschlagen.
Es gibt also nur zwei Teile in der Kirche: a) die triumphierende und wartende Kirche im Paradies und b) die kämpfende und dabei Reinigung erfahrende Kirche auf Erden. Wichtig dabei ist, dass wir die zentrale Hoffnung festhalten: die Auferstehung und die erneuerte Schöpfung.
Immer wieder werde ich in diesem Zusammenhang gefragt: Was ist mit der Hölle? Das Problem dabei liegt darin, dass die Vorstellung einer ‚Hölle‘ mehr von mittelalterlichen Bildern als vom NT geprägt ist. ‚Hölle‘ (gr. Gehenna) ist bei Matthäus vom Wort her eine Abfallhalde ausserhalb Jerusalems. Jesus warnt also seine Zeitgenossen: Wenn ihr nicht aufpasst, landet ihr auf dem Müllhaufen der Geschichte. Damit ist ein ganz innerweltliches Geschehen gemeint: die Römer machen kurzen Prozess mit Aufständischen (vgl. 70 nach Christus die Zerstörung Jerusalems). Ob es am Schluss solche gibt, die Gott endgültig ablehnen und diese Ablehnung auch ratifiziert wird, ist nach dem NT nicht ganz klar. Die ‚Hölle‘ ist kein wichtiges Thema im NT. Es gibt aber doch Hinweise, z.B. Offb. 21, dass am Schluss ‚ausserhalb der heiligen Stadt‘ Ausgeschlossene zurückbleiben, jedenfalls wird nichts Böses in die Stadt hineingelassen. Interessanterweise fliesst aber der Heilige Strom aus der Stadt heraus, zu den ‚Verdammten‘? Möglicherweise könnte es da doch noch Überraschungen geben. Aber es ist wichtig, dass nicht wir dies zu entscheiden haben. Dogmatismus in dieser Frage ist fehl am Platz, sowohl von Seiten derjenigen, die an eine Hölle glauben, wie derjenigen, die Universalisten sind (solche, die an die Allversöhnung glauben). Sicher aber ist eins: Es braucht ein Gericht und dieses ist ernst zu nehmen! Ohne Gericht gibt es auch keine Hoffnung auf eine bessere Welt! Das Böse muss verurteilt werden. Sicher aber ist die Vorstellung einer Hölle als mittelalterlicher Folterkammer unzutreffend. Manche Theologen verstehen die ‚ewige Verdammnis‘ als endgültige Vernichtung. Eine andere Vorstellung könnte sein, dass diejenigen, die endgültig Gott abgelehnt haben, sich selbst dehumanisieren und zu einer Art Gegenstand werden. Aber es bringt nichts, hier weiter zu spekulieren.

12. Rethinking Salvation: Heaven, Earth and the Kingdom of God
Was bedeutet die Auferstehung praktisch für unser Leben? Viele Osterlieder und -predigten deuten Ostern als Bestätigung für ein Leben nach dem Tod. Sie vergessen aber, dass die Auferstehung Jesu ein Geschehen mitten in dieser Welt darstellt, dessen Implikationen und Effekte hier und jetzt erlebt werden sollen. Wenn Jesus Christus auferstanden ist, so ist er nach dem NT der gegenwärtige und kommende Herr. Die zukünftige Auferstehungshoffnung der Christen führt direkt zu einer gegenwärtigen Hoffnung als Basis der christlichen Mission. Weil Gott eine neue Welt schafft, gibt es schon jetzt Hoffnung für Arme, Kranke, Einsame, Deprimierte, Sklaven, Flüchtlinge, Hungrige und Heimatlose, für Missbrauchte, Hoffnungslose und Verwundete. Bei Jesus war die Predigt des kommenden Reiches Gottes nichts anderes als die Heilung für diese jetzige Welt. Es geht im NT nicht um die Rettung von Seelen für eine köperlose Ewigkeit, sondern um die Rettung von ganzen Menschen aus ihrem konkreten Zustand des Verfalls. Das gegenwärtige körperliche Leben ist nicht wertlos, sondern es hat eine Zukunft in Gottes erneuerter Schöpfung.
Daraus folgt: Es macht keinen Sinn, dass es innerhalb der Kirche einen Bruch gibt zwischen denen, die ‚Seelen retten‘ wollen und denen, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Beides gehört zur gleichen Mission der Kirche, Hoffnung zu vermitteln. Unter dem biblischen Begriff ‚Heil‘ bzw. ‚Rettung‘ oder ‚Erlösung‘ verstehen viele Christen, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt. Das ist aber nach der Bibel völliger Unsinn! Wenn wir hingegen nach dem NT unter ‚Heil‘ oder ‚Rettung‘ die Verheissung eines neuen Himmels und einer neuen Erde und unserer Auferstehung verstehen, sieht unsere Aufgabe als Kirche anders aus. Im NT bedeutet ‚Rettung‘ häufig ein körperliches Geschehen mitten in dieser Welt. Die zukünftige Rettung beginnt schon jetzt. Wir werden gerettet nicht als Seelen, sondern als Ganze („We are saved not as souls but as wholes.“)! Wenn Gott Menschen rettet in diesem Leben, so tut er dies, damit sie ein Zeichen und Vorgeschmack von dem sind, was Gott für den ganzen Kosmos tun will.
Schlussfolgerung: Beim Werk der Erlösung (Heil, Rettung) geht es in seinem vollen Sinn 1. um ganze Menschen, nicht nur um Seelen, 2. um die Gegenwart, nicht nur die Zukunft, und 3. darum, was Gott durch uns tut, nicht nur in und für uns. Darum geht es bei der Auferstehung und Auffahrt von Jesus und bei der Gabe des Heiligen Geistes: Sie sind dafür da, nicht uns wegzunehmen von der Erde, sondern uns zu Agenten der Verwandlung dieser Erde zu machen, indem wir den Tag vorwegnehmen, der verheissen ist, an dem „die Erde voll der Erkenntnis der Herrlichkeit des Herrn sein wird, wie das Wasser die Meere bedeckt“. Das Königreich Gottes besteht also darin, dass Gott Israel errettet hatte als Licht für die Völker, und dadurch wollte er die Menschen retten, damit sie seine Erlösung der ganzen Schöpfung bringen. Israel ist dabei von der Kirche nicht überholt und beiseitegelassen worden, sondern die Bestimmung beider erfüllt sich in diesem Prozess, in dem am Ende Gott König der ganzen Schöpfung ist.
In der westlichen Christenheit wusste man im Grunde mit den Evangelien nicht so recht etwas anzufangen. Wenn wir aber reintegrieren, was zusammengehört, das Reich-Gottes-Handeln Jesu und sein erlösender Tod und seine Auferstehung, so verstehen wir die Evangelien als die Geschichte, wie durch Jesu Handeln, seinen Tod und seine Auferstehung das Königreich Gottes auf der Erde lanciert worden ist.

13. Building for the Kingdom
Natürlich baut Gott sein Königreich. Auch das schliessliche Zusammenkommen von Himmel und Erde ist wie die Auferstehung Jesu sein Werk. Aber er möchte uns an seinem Werk beteiligen. Alles, was wir hier im Blick auf sein kommendes Reich tun, ist nicht verloren, sondern aufgehoben in seiner neuen Welt. Gott wird die Schöpfung neu machen, d.h. er wird nicht eines Tages sagen: „Oh, netter Versuch, ganz gut für eine gewisse Zeit, aber schliesslich gings halt den Bach runter; also lasst uns stattdessen eine nichtmaterielle und nichtzeitliche Welt machen.“
Gerechtigkeit bedeutet, dass Gott – zusammen mit uns – die Welt zurechtbringt. Zwischen Auferstehung und Neuschöpfung ist es unsere Aufgabe, bewusst dieses Ziel im Blick zu haben. „Wenn Jesus seinen Körper im Grab zurückgelassen hätte und wir das gleiche tun würden, wie viele Theologen der letzten Generation dachten, dann wären wir unserer Grundlage und Kraft beraubt, durch unser Tun reale, körperliche, konkrete Zeichen der Hoffnung in dieser gegenwärtigen Welt aufzurichten.“ Warum wehrten sich die Sadduzäer gegen die Lehre der Auferstehung? Weil sie genau wussten, dass der Glaube an die Auferstehung ihre politische Position gefährdet. Christen, die an die Auferstehung glaubten, waren immer revolutionär. Es gibt zwei Extreme, die wir vermeiden müssen: a) wir dürfen nicht meinen, durch unser soziales, politisches und kulturelles Handeln das Reich Gottes auf Erden errichten zu können. b) Auf der anderen Seite dürfen wir aber auch nicht meinen, wir könnten nichts tun und müssten nur auf die Wiederkunft Christi warten. Es ist interessant, dass gerade die amerikanischen Kirchen, die am lautesten gegen die Lehre des Darwinismus in den Schulen protestieren, in ihrer politischen Praxis eine Art ökonomischen Darwinismus unterstützen, das Überleben der Stärksten in den Weltmärkten und auf militärischem Gebiet. Die Auferstehung Christi weist uns darauf hin, uns für die Gerechtigkeit in dieser Welt einzusetzen und sie gibt uns die Kraft dazu.
Die Schöpfung und Neuschöpfung ernst zu nehmen bedeutet auch, der Schönheit, Kreativität und Ästhetik einen wichtigen Platz einzuräumen. Es gehört zu unserem Abbild-Gottes-Sein, dass wir auch schöpferisch wirken. Kunst ist nicht nur ein Abbild der Schönheit der Schöpfung, sondern sie kann auch auf die Neuschöpfung hinweisen und so die überraschende Hoffnung der Bibel kommunizieren.
Evangelisation steht im Zentrum des Wirkens für die Neuschöpfung der Welt. Sie ist aber mehr als Seelenrettung. Die Auferstehung Jesu und die überraschende Hoffnung, die wir aus der Bibel gewinnen, gibt unserer Evangelisation eine neue, weitere Perspektive. Die Kraft des Evangeliums liegt nicht im Angebot einer neuen Spiritualität oder eines neuen religiösen Erlebnisses. Sie liegt vielmehr in der kraftvollen Ansage, dass Gott Gott ist, dass Jesus Herr ist, dass die Kräfte des Bösen überwunden sind, dass Gottes neue Welt begonnen hat. Darauf folgt logischerweise die Einladung an alle, daran teilzunehmen, Vergebung zu erlangen und eine neue Bestimmung zu finden. Wenn die Kirche durch ihr Handeln von diesem Neuwerden durch die Kraft Gottes spricht, macht auch ihre Verkündigung Sinn. Christ werden heisst also nicht, der guten Welt den Rücken zu kehren. Aber es beinhaltet natürlich, sich vom Verfall und der Korruption dieser Welt abzuwenden. Christsein bedeutet weiter nicht, sich einer rein privaten Beziehung zu Gott hinzugeben, sondern Teil zu werden des Reich-Gottes-Projekts. Damit ist logischerweise auch all unser Handeln in dieser Welt ins Christsein eingeschlossen.
Die Mission oder Aufgabe der Kirche muss also von der Hoffnung des Neuen Testaments erfüllt und gestaltet werden. Sie hat etwas zu tun mit der Trostlosigkeit industrieller Wüsten (und ihrer arbeitslosen Arbeiterklasse) wie mit der Trostlosigkeit derjenigen, die zuviel Geld haben. In beide Milieus hinein hat die Kirche Hoffnung anzubieten.

14. Reshaping the Church for Mission: Biblical Roots
Die Auferstehung Jesu vollendet die Einführung von Gottes Königreich in diese Welt. Auferstehung bedeutet also nicht, der Welt zu entfliehen, sondern eine Aufgabe in der Welt, basierend auf der Herrschaft Jesu über die Welt. Die Auferstehung ist nicht nur ein überraschendes Happy End für eine Person, sondern der Wendepunkt für alles. Die lange Geschichte Israels findet ihr Ziel und ihren Mittelpunkt darin, dass die weltweite Mission lanciert wird, in der alle Völker sich vom Götzendienst abwenden und Vergebung erhalten. Jesu Auferstehung muss als der Beginn der neuen Welt angesehen werden, die Enthüllung des Prototypen von dem, was Gott an der ganzen Welt vollbringen will. In der Apostelgeschichte lesen wir, wie dieses Königreich Gottes auf dieser Erde lanciert worden ist und wie es ganz happige, politische Umwälzungen mit sich bringt. Das Reich Gottes bringt nicht nur eine innerliche Veränderung in den Herzen der Menschen, sondern es ist eine Kraft, die unterdrückende Regimes zu Fall bringt und den Armen und Unterdrückten Hoffnung gibt.
Auch bei Paulus ist die Auferstehung Jesu nicht nur ein isoliertes Wunder oder nur die Verheissung des ewigen Lebens, sondern sie bedeutet die weltweite Herrschaft des jüdischen Messias Jesus, unter der Sünden vergeben werden und eine neue Ära in der Weltgeschichte begonnen hat. Die antichristliche Rhetorik der letzten 200 Jahre seit der Aufklärung hat alles versucht, diese Tatsache zu verleugnen. Wir sollten uns davon nicht blenden lassen. Die Botschaft von Ostern bedeutet, dass Gottes neue Welt in Jesus Christus bereits begonnen hat und wir eingeladen sind, daran teilzunehmen. Christliche Heiligkeit bzw. Heiligung bedeutet nicht, dass wir krampfhaft versuchen, gute Menschen zu sein, sondern dass wir lernen, in dieser neuen Welt zu leben, die durch Ostern geschaffen wurde und in die wir durch die Taufe eingetreten sind.

15. Reshaping the Church for Mission: Living the Future
Wie können wir lernen, als Oster-Leute zu leben? Ostern bedeutet, dass der reale Jesus aus dem realen Grab gekommen ist und Gottes reale neue Welt begründet hat. Das sollten wir auch entsprechend feiern, Hallelujas nicht nur murmeln, sondern laut singen. Ostern sollte nicht nur an einem Tag gefeiert werden, warum nicht eine Woche lang? Ostern ist unser grösstes Fest, da sollten wir die Flaggen raushängen und dieses Fest kreativ begehen. Es ist schade, dass in christlichen Erneuerungsbewegungen oft kirchliche Traditionen über Bord geworfen werden, die Sakramente kaum mehr gefeiert werden. Gerade die Sakramente betonen die materielle Realität des Gottesreiches. Traditionelle Kirchen sollten neue Formen des Lobpreises entdecken und neue Bewegungen die alten Traditionen wiederentdecken.
Raum, Zeit und Materie sind wichtig in Gottes Königreich, deshalb sind auch Kirchengebäude, der Sonntag, unsere Zeitrechnung, die von Christi Geburt spricht, wichtige Zeichen dieser Realität. Die Sakramente haben ihre eigene Sprache, sie verkünden und feiern Gottes Heilung dieser Welt, nicht ihre Preisgabe. Wenn man sieht, dass die gleichen Leute, die am Sonntag Gott anbeten, im Alltag zuvorderst dabei sind, den Hunger und die Armut zu bekämpfen und sich um Benachteiligte zu kümmern, dann möchten viele Menschen Teil dieser Bewegung sein. Deshalb ist Mission Aufgabe der ganzen Kirche die ganze Zeit. Es gibt keine Rechtfertigung für eine private Frömmigkeit ohne konkrete Aufgabe in der Welt.
Die Taufe ist nichts Magisches, aber sie ist auch nicht nur eine visuelle Hilfe. Sie ist ein Ort, der von Jesus begründet wurde, wo Himmel und Erde zusammenkommen, wo die neue Schöpfung mitten in dieser Welt erscheint.
In der Eucharistie (Abendmahl) erinnern wir uns nicht nur an einen vor langer Zeit gestorbenen Jesus, sondern wir feiern die Gegenwart des Auferstandenen, die Vorwegnahme des Gastmahles in der neuen Welt, wo Himmel und Erde zusammenkommen, das Hochzeitsmahl des Lammes.
Die Bibel ist die Geschichte der Schöpfung und Neuschöpfung der Welt und sie ist selber durch den Heiligen Geist, der durch sie wirkt, ein Instrument der Neuschöpfung. Sie informiert nicht nur die Hörer und Leser, sondern sie lädt sie ein, Teil dieser Geschichte zu werden und rüstet sie aus dazu, ihre Rolle darin zu spielen.
Liebe ist nicht eine Pflicht, wie überhaupt die ganze christliche Ethik und Lebensführung, sondern sie ist unsere Bestimmung. Gott, in seiner Liebe sehnt sich danach, uns aus dem Gefängnis der Lieblosigkeit zu befreien und uns Teil an seiner Neuschöpfung zu geben.
Bereitgestellt: 28.07.2009      
aktualisiert mit kirchenweb.ch