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Andreas Bänziger

Studienurlaub Pfr. Andreas Bänziger

Krypta der Kirche Marais (Foto: Andreas Bänziger): Die reformierten Kirchen in Frankreich sind wegen Geldmangel nach unseren Massstäben in einem desolaten Zustand. Nur die Krypta der Kirche war schön renoviert worden, weil die Stadtverwaltung den Raum für eine Veranstaltung gebraucht hatte. Dafür entwickelt sich ein reiches, multikulturelles Leben in der Gemeinde.

Krypta der Kirche Marais (Foto: Andreas Bänziger): Die reformierten Kirchen in Frankreich sind wegen Geldmangel nach unseren Massstäben in einem desolaten Zustand. Nur die Krypta der Kirche war schön renoviert worden, weil die Stadtverwaltung den Raum für eine Veranstaltung gebraucht hatte. Dafür entwickelt sich ein reiches, multikulturelles Leben in der Gemeinde.

Während meines 4-monatigen Studienurlaubs Juni-September 2009 besuche ich verschiedene Kurse und verbringe die Zeit dazwischen mit dem Studium von interessanten Büchern.
Kurse:
- Kirche in der Stadt, Paris
- Tage der Heilung, Thun
- Exerzitienwoche, Rasa
- Piazza Grande, Locarno
- Kunst und Religion, Preda ob Bergün
- Tagung der Pfarrgemeinschaft, Seewis
- Kirche von Fall zu Fall, Basel
Pfr. Andreas Bänziger,
09-39: Kirche in der Stadt XVII: Paris
Ein deutsch-welsches Studienseminar in der französischen Metropole

Veranstalter: a+w opf/pwb
Ziel:
• Das protestantische Paris (reformiert und lutherisch) und seine Geschichte entdecken;
• Gemeinden, Werke und Aktivitäten besuchen und die Art und Weise kennen lernen, wie die Protestanten in der Stadt und in der Umgebung den Glauben miteinander leben und teilen;
• Begegnungen haben mit verantwortliche Personen in neuen Kirchen und Gemeinden;
• Sehen, wie die verschiedenen Kirchen mit den unterschiedlichen theologischen Strömungen in ihnen umgehen;
• Auskundschaften, wie Kirche im 21. Jahrhundert sich zeigt.

Inhalt:
Dieses Studienseminar soll der Inspiration auf der Suche einer Kirche für das laufende Jahrhundert dienen; einer Kirche, welche den Glauben an Jesus Christus im Mittelpunkt hat.
Wie kann sie ausstrahlen in einer Welt, die ihre Mittelpunkte anders gewählt hat?

Kolleginnen und Kollegen, die wir in Paris besuchen dürfen, haben dafür unterschiedliche Vorgehensweisen gefunden:
mit Musik, über Internet und SMS, durch die Vermittlung von Kunst, durch gesungene Vesperfeiern, durch Tagzeitengebete, durch Arbeit unter den Randständigen etc. Zurzeit verändert sich die „ekklesiologische Landkarte“ der Metropole rasant durch das Entstehen von Migrationsgemeinden. Bei diesen Besuchen stehen Fragen der Interkonfessionalität und Interkulturalität im Zentrum.

Mitwirkende:
Béatrice Hollard Beau, ERF;
Caroline Bauberot, EELF;
Gilles Boucomont, ERF;
Majagira Bulangalire, CEAF et ERF;
Bertrand de Cazenove, ERF;
Frédéric Chavel, EELF;
Anne-Laure Danet, ERF;
Céleste Gnassounou, ERF/CEAF;
Leila Hamrat, ERF;
Vincens Hubac, ERF;
Alain Joly, EELF;
Stéphane Lavignotte, ERF;
Jean-Paul Morley, ERF;
Antoine Nouis, ERF;
Harald Persson, EELF;
Marie-France Robert, EELF.

Leitung:
• Solveig Perret-Almelid, pasteure, formatrice opf
• Hermann Kocher, Pfr. Dr. theol., Leiter der Fachstelle Weiterbildung (pwb), Bern
• Hans Strub, Leiter a+w, a+w Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer, Zürich
________________________________________
Datum: 03.06.2009 bis 09.06.2009

Ort: Accueil Baroullière,
14 rue Saint Jean-Baptiste de la Salle,
F-75006 Paris

Preis: ca. Fr. 1550.– (Kursgeld Fr. 800.–,
Unterkunft/Verpflegung Fr. 700.–,
Annullationskostenversicherung Fr. 50.–)
zuzüglich Reisekosten

Anreise 3. Juni 2009
Bis Zürich fahre ich mit Andreas Rippert, der zur Arbeit fährt. In Zürich HB steige ich auf Gleis 15 um in den TGV, Wagen 7, Platz 56. Es sind noch ziemlich viele Plätze leer. Dann geht’s nach Basel, dann Mulhouse, an Colmar vorbei nach Strassburg schon ziemlich schnell. Jetzt ist der TGV gut besetzt. Neben mir sitzt ein Versicherungsvertreter. Im angrenzenden Abteil reist eine orthodoxe jüdische Familie; der Vater studiert den Talmud, danach spielt er mit den Kindern. Zuerst geht es in gemächlichem Tempo, erst nach ca. 45 Minuten beschleunigt der TGV und macht seinem Namen alle Ehre. Jetzt rast der Zug pfeilschnell durch die hügelige und schöne Landschaft. Ab und zu wird ein Dorf sichtbar und ist schnell wieder vorbei. Mir schmerzt der Hals vom Kopf-drehen, wenn ich hinausschaue und Fotos mache.
Pünktlich um ca. 11.30 Uhr kommen wir in Paris Gare de L’Est an. Ich suche die Metro, Linie 4 Richtung Porte d’Orléans, löse ein Ticket und schon geht’s ab Richtung Montparnasse.
Dort finde ich anhand der ausgedruckten Karte den Acceuil Barrouière an der Rue Saint Jean-Baptiste de la Salle 14. Empfangen werden die Teilnehmer des Kurses mit einem Apéro, dann beziehe ich mein Zimmer.
Nach einer Vorstellungsrunde machen wir und auf den Weg in die Stadt. Ausgehend vom Oratoire du Louvre erklärt uns der Lutheraner Vincens Hubac detailreich die Geschichte der Stadt Paris mit spezieller Betonung der Verfolgung der Protestanten. Gegründet wurde Paris von den Römern, der älteste Teil ist die Insel in der Seine. Seit der Reformationszeit hängt vieles hier mit der Verfolgung der Protestanten zusammen. Dass der Eiffelturm an der Stelle errichtet wurde, wo die niedergemetzelten Protestanten der bartholomäusnacht vergraben wurden, wusste ich bisher nicht. Oder dass Montmartre deshalb so heisst, weil auf diesem Hügel protestantische Märtyrer ihr Leben liessen. Ein anderer interessanter Gedanke war, dass die Reformation deshalb so eine grosse Wirkung erzielen konnte, weil vorher in Europa die Pest gewütet hatte und die Bevölkerung dezimiert hatte. In dieser Situation waren die Leute durch den Tod stark herausgefordert. Die Reformatoren konnten den durch den Tor Erschütterten die biblische Heilsgewissheit vermitteln.
Nach dem Abendessen stellt uns die Pfarrerin von Montparnasse-Plaisance, Béatrice Hollard, eine ehemalige Architektin, ihre Projekte und Ideen vor, wie sie säkularisierten Menschen von heute das Evangelium mithilfe von Kunstbetrachtungen, z.B. Texten von Malern, nahebringt. Vielleicht war ich nach dem Stadtrundgang zu müde für solche tiefsinnigen Betrachtungen, jedenfalls konnte ich ihren Ausführungen nicht viel abgewinnen. Andere aus der Gruppe waren aber angesprochen davon.

Donnerstag, 4. Juni 2009
Wir besuchen die Lutherische Kirche St.Jean und hören von Pfr. Frédéric Chavel, wie das Leben einer multikulturellen, aber traditionellen Gemeinde funktioniert. Trotzdem es keine Kirchensteuer gibt, jeder soviel bezahlt, wie er will – zweimal jährlich wird ein Spendenbrief versandt – kommen Leute in die Gemeinde. Die Mobilität ist hoch und die Anzahl traditioneller lutherischer Familien klein, trotzdem werden Kasualien nachgefragt und es musste bis jetzt keine lutherische Kirche in Paris verkauft werden.
Am Nachmittag erfahren wir in der Kirchgemeinde Billette von Pfr. Alain Joly mehr über die Geschichte der lutherischen Kirche in Paris, die ursprünglich durch den schwedischen Botschafter mit Bewilligung des Königs für Besucher und Gastarbeiter lutherischer Konfession gegründet wurde. Heute finden nebst traditionellen lutherischen Gottesdiensten, wie wir einen inklusive Eucharistiefeier miterleben können, viele kulturelle Veranstaltungen statt. Z.B. ist gerade eine Ausstellung mit Werken afrikanischer Künstler geöffnet. Solche Ausstellungen werden jährlich von über 1‘000 Leuten besucht. Jean-Claude Dibundu, lutherischer Evangelist in einer Banlieu erklärt uns seine Arbeit unter Immigranten, die einen evangelistischen und einen diakonischen Bereich umfasst. Seelsorge, Befreiungsdienst (viele Afrikaner fühlen sich von Geistern Verstorbener belastet), aber auch Alphabetisierung und Beratung in Immigrationsfragen gehören dazu. Gottesdienste werden mit afrikanischer Musik gefeiert.
Am Abend essen wir in einem Restaurant an der Seine.

Freitag, 5. Juni 2009
Kirche im 21. Jahrhundert Majagira Bulangalire

Er ist reformierter Pfarrer in einer Banlieu und Soziologieprofessor. Als Vertreter der neu entstehenden Migrationskirchen ist er auch Präsident der afrikanischen Kirchen in Frankreich. Gleichzeitig ist er Pfarrer der église de Christ in Kongo, wo er ursprünglich herkommt.
Die Kirche hat einen unveränderlichen Kern, das Evangelium, die Form des Lebens der Kirche aber ändert sich, speziell in der Globalisierung. Ein Gedanke, den ich schon oft an Willowcreek-Kongressen gehört hatte. Schon im AT ändert sich die Organisationsform des Volkes Gottes von Mose über die Richter bis zu den Königen. So auch in der Kirche: von den Kathedralen, Priestern im Mittelalter zu heutigen Formen von Kirchen, die mehr dynamisch, missionarisch und mobil sind. Die Entwicklung geht von nationalen Kirchen hin zu universalen. Die Kirche versuchte sich immer der Zeit anzupassen, das war schon in der Bibel so, z.B. vom Tempel zu den Synagogen. Die Urgemeinde war keine ideale Kirche, sondern eine lebendige, die sich mit der damaligen Gesellschaft auseinandersetzte. Pfingsten ist Ausdruck der Universalität des Glaubens, die Torah ist jetzt für alle Völker. Reformation bedeutet eine Revolution weg vom Heidnischen in der Kirche hin zu einem universalen Priestertum. Wenn es zu stark ins Nationale geht, wird das Evangelium verraten.
Wie kann man der Zeit begegnen, ohne das Evangelium zu verfälschen? Wie es Jeremia gesagt hat, das Wohl der Stadt suchen, ohne sich dem Heidentum anzupassen? Licht sein für die Welt, aber nicht in der Welt aufgehen. Erlaubt unsere Form von Kirche in der heutigen Gesellschaft, Licht der Welt zu sein, d.h. das Evangelium wirksam weiterzugeben? Die völlige Trennung von Kirche und Staat ist unbiblisch! Die Christen können sich nicht allein auf die Spiritualität zurückziehen. Die Finanzkrise offenbart hier ein Manko und stellt uns die Frage, wie wir Zeugen des Evangeliums sein können in der heutigen Gesellschaft und sie profetisch beeinflussen können.
Die moderne Welt ist geprägt durch eine Revolution in Kommunikation und Mobilität. Eine Herausforderung ist der Relativismus in Bezug auf die Religion(en). Die Wahrheit geht dabei verloren. Eine weitere Herausforderung stellt die Verehrung von Wissenschaft und Technik dar; sie führt zum Heidentum. Die Spiritualität wird dabei ins Private verbannt. Die Christen müssen das Profetische wieder entdecken. Die Diakonie kann man auch nicht nur dem Staat überlassen.
Wie können wir praktisch uns der Zeit anpassen, ohne das Evangelium preiszugeben? Die Hauptfrage zur Haltung gegenüber der Bibel ist nicht, die richtige Lehre zu haben, sondern die christusgemässe Praxis in der heutigen Zeit. Ich lese die Bibel und bin offen für verschiedene Weisen der Interpretation (evangelikal, katholisch etc.), ebenfalls für soziologische und andere wissenschaftliche Erkenntnisse. Aber die Frage ist nicht nach der richtigen Theologie, sondern nach der Praxis des Glaubens.
Die afrikanischen Kirchen in der Banlieu entstanden, weil die Protestanten dort nicht präsent waren (liiert mit der Bourgoisie!). Die einfachen Immigranten fanden keinen Zugang zu den bürgerlichen Kirchen. Die traditionellen Kirchen waren nicht offen für die afrikanischen Christen, gaben ihnen keinen Raum wegen der kulturellen Differenz. Die afrikanischen Kirchen begannen als ‚église sans domicile fixe‘ wie Israel in der Wüste und multikulturell. Diese Kirchen sind kongregationalistisch und haben keine traditionellen Ämter.
Die Pfarrer haben ein anderes Amtsverständnis, sie sind mehr gemeinschaftlich und missionarischer. 2002 wurde unsere Kirche gegründet mit 20 Personen. Heute besuchen jeden Sonntag 1‘500 Personen die Gottesdienste. Unser Motto ist: Aus durchschnittlichen, normalen Leuten werden durch den Glauben ‚champions‘, die ihren Platz im Wettbewerb gefunden haben. Menschen erfahren Heilung, spirituell, psychisch, körperlich und gesellschaftlich. Daraus folgt die Präsenz in jedem Bereich der Gesellschaft: Sport, Wirtschaft, Politik etc. Der Pfarrer bei uns hat die Rolle des ‚chef de l’orchestre‘. Jeder Christ hat seinen Platz und spielt seine Rolle. Der Pfarrer ist für die Ausrüstung der Gemeindeglieder zuständig, die Gemeindeglieder für den Aufbau der Gemeinde.
-> Die Kirche im 21. Jahrhundert muss sich der Zeit anpassen, aber keine Abstriche am Evangelium machen. Die Modernität kann in den Dienst der Kirche gestellt werden. Das Ziel ist die Reformation/Transformation der Welt und der Gesellschaft.
Die Migrationskirchen in der Banlieu haben eine gemeinschaftliche Leistungsstruktur, keine pyramidale. Diese Kirchen sind an der Basis gewachsen.
Die katholische Kirche ist weniger national als die protestantischen Kirchen und steht deshalb weniger in der Gefahr, zu verschwinden. Sie hat auch mehr Werke behalten, während die protestantischen Kirchen vieles dem Staat überlassen haben. Dafür nehmen heute die Evangelikalen vermehrt diese Position ein, die die traditionellen protestantischen Kirchen immer mehr verlieren.
Warum fühlen sich Afrikaner nicht wohl in unseren traditionellen Kirchen? Weil wir eine ineffiziente Art der Reflexion über Glaubensfragen pflegen, die nicht zum praktischen Handeln führt. Z.B. eine Haussegnung wurde von einem reformierten Pfarrer, der dafür angefragt worden war, abgelehnt. So fühlen sich Afrikaner nicht angesprochen!

Paroisse de Marais
Nicht weit von der ‚place de la Bastille‘ besuchen wir die Kirchgemeinde Marais. Die Kirche ist als Gebäude in einem desolaten Zustand, die Krypta aber sehr schön renoviert, weil die Stadtbehörden dort ein Projekt durchgeführt hatten. Nach einem feinen Essen im Hof erzählt uns Pasteur Gilles Boucomont und sein afrikanischer Kollege Céleste Gnassounou von interessanten Projekten, die in dieser Kirche durchgeführt werden. Am Sonntag treffen sich neben- und hintereinander japanische, afrikanische, chinesische und weisse Gemeindeglieder zu unterschiedlichen Gottesdiensten und gemeinsamen Mittagessen. Auch Homosexuelle finden immer wieder in den Gottesdienst. Das Evangelium wird mithilfe von moderner Musik, aber auch mit anderen kreativen und künstlerischen Ausdrucksformen weitergegeben. Die Kirche ist in den letzten Jahren zahlenmässig enorm gewachsen.

Antoine Nouis: Kirche in der Banlieu (Villeneuf St.George)
Durch die Migration findet ein starker sozialer Wandel statt: Der Markt am Samstag ist eine Mischung aus nordafrikanischem Souk, Markt in Kenia, Istanbul... Wir leben hier unter der An- und Abflugschneise des Flughafens, deshalb ziehen die Weissen weg und es wohnen immer mehr Ausländer hier. Ohne Afrikaner bestünde meine Kirchgemeinde aus ca. 30 weisshaarigen Leuten. Jetzt sind die Afrikaner in der Mehrheit; es hat am Sonntag ca. 1 weisses und 30 schwarze Kinder in der Kinderhüte. Wenn die Weissen merken, dass die Schwarzen in der Mehrheit sind und den Stil prägen, bleiben manche weg, weil sie sich nicht mehr zuhause fühlen. Die Banlieu bedeutet einen Arbeitsweg von 1 ½ Stunden am Morgen und am Abend jeden Tag. Eine kulturelle Differenz: Die Afrikaner verbringen den ganzen Sonntag in der Kirche (Chorprobe am Sonntag Nachmittag), die Weissen wollen das nicht, sie essen in der Familie. Kirche ist immer stark kulturell geprägt. Z.B. die Chinesen und Koreaner sind sehr gemeinschaftlich geprägt, sie werden sich nie in einer französisch geprägten Kirche wohlfühlen.
Wie steht es mit Afrikanern der 2. und 3. Generation? Der soziale Aufstieg geht aus der Banlieu unter der Anflugschneise in den Süden und dann in die Stadt, wo die Mietpreise hoch sind. Die Afrikaner gehen im Sommer nicht in die Ferien, 80 % der weissen Franzosen hingegen schon. Und unter der Woche haben die Schwarzen keine Zeit, dafür am Sonntag.
Ich bin überzeugt, dass wir durch die Migration einen fundamentalen Wandel des Protestantismus erleben. Wir haben entdeckt, dass es in Paris bereits mehr chinesische christliche Gemeinden gibt als traditionell protestantische. Migranten sind besonders offen für die Botschaft, dass Gott sie liebt. So bekehren sich fast alle chinesischen Migranten, wenn man ihnen das Evangelium erläutert. Vergleichbar ist es bei den Tamilen. Die Theologie ist bei den Migrantenkirchen nicht sehr ausgebaut, da braucht es Unterstützung, damit sie nicht sektiererisch werden. Die Migrationskirchen spielen eine wichtige Rolle in unserem Land.
Anschliessend an die Begegnung mit Antoine Nouis werden wir zu einem Nachtessen mit einigen Kirchenvorstehern eingeladen.

Samstag, 6. Juni 2009 St.Paul de Montmartre – Pfr. Harald Persson
Wir besuchen eine Kirchgemeinde im Norden von Paris, die kein Geld hat. „Ich bin auch Hausmeister“, erzählt der schwedische Pfarrer. Das Pfarrbüro befindet sich hinten in der Kirche hinter einer Glasscheibe und ist winzig klein. In Stockholm hatten wir 20‘000 Kirchensteuer zahlende Mitglieder, aber ich war nur jeden 5. Sonntag dran mit Predigen. Hier sind wir die Minderheit einer Minderheit. Wir bekamen eine Busse von 4‘000 €, weil wir die Fassade der Kirche nicht gereinigt hatten wegen Geldmangel. Man hat mir hier einfach den Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: „Mach etwas!“ Aber es gibt sehr wenig Ressourcen (finanziell, personell).
Die Herausforderung war, Freiwillige zu finden und Gruppen zu organisieren, damit das Gemeindeleben auch ohne Pfarrer funktioniert. Die Kirche ist auf dem Boulevard, es gibt viel Lärm und Verkehr. Dank einem afrikanischen Gospelchor ist die Besucherzahl gewachsen. 50 % der Besucher sind Kameruner.
Weil er nicht so gut Französisch sprach, hat er einen Freund, der Schauspieler ist, gefragt, seine Predigt jeweils am Samstag zu korrigieren. Daraus sind interessante Gespräche entstanden. Eine Gruppe von anonymen Alkoholikern trifft sich am Montag in der Kirche, ein Symphonieorchester probt ebenfalls in der Kirche, dazu werden die Bänke entfernt. Auch eine afrikanische Gruppe hat hier Gastrecht. Wir verstehen das Zur Verfügung stellen des Raumes auch als einen Dienst. Ein Kollege aus Schweden kam mit 60 Konfirmanden, die schliefen in der Kirche. Diesen Frühling ‚besetzten‘ 150 Sans-Papiers die Kirche. Die Regierung machte nichts. Das war schwierig, wir wollten keine ‚Sans-Papiers-Kirche‘ werden und fühlten uns ausgenutzt.
Am Samstag Nachmittag und Abend haben wir frei, ich kaufe Geschenke für meine Familie in der Rue Rivoli und schaue den Tennis-Frauenfinal in Roland Garros auf dem grossen Screen vor dem Hôtel de Ville.

Sonntag, 7. Juni 2009 Batignolles
Am Sonntagmorgen besuchen 3 Gruppen von Teilnehmern verschiedene Gottesdienste in der Stadt. Wir fahren mit der Metro in den Norden der Stadt, wo wir den Gottesdienst in der Gemeinde Batignolles besuchen. Erwartet hatten wir eine multikulturelle Gemeinde mit einem innovativen Gottesdienst, an diesem Morgen aber findet ein durch und durch konventioneller Gottesdienst mit einem pensionierten Pfarrer statt. Beim Abendmahl steht die ganze Gemeinde rund um den Raum herum, das Brot und die Kelche werden herumgereicht, dabei wird nichts abgewischt.
Eine andere Gruppe besuchte die afrikanische Gemeinde von Majagira Bulangalire und war beeindruckt von der Professionalität dieses Gottesdienstes, der mit mehreren Kameras aufgenommen und im Internet verbreitet wird.
Das Mittagessen nehmen wir in der Rue Jean Calvin ein, wo anlässlich des 500. Geburtsjahres ein Fest gefeiert wird. Dabei sind alle auf offener Strasse zu einem Mittagessen eingeladen. Zum Glück regnet es trotz Windböen nicht und wir können nach dem Essen ein mittelalterliches Theater auf der Strasse mitverfolgen, das allerdings wenig direkt mit Calvin zu tun hat.
Danach erzählt uns Jean-Paul Morley aus dieser Gemeinde: Die protestantischen Kirchen in Frankreich sind am Verschwinden. Im Süden fehlen die Pfarrer, dann wird zusammengelegt, die Folge ist, dass weniger Besucher kommen, so muss man dann Kirchen schliessen, ein Teufelskreis.
8Jahre lang war Jean-Paul Morley bei der ‚Mission Populaire‘. Diese Volksmission war von einem schottischen Pfarrer gegründet worden in einem Arbeiterquartier, wo nicht mal die Polizei sich hineingetraute. Dort begann er eine Arbeit ähnlich der Heilsarmee (Verkündigung und Hilfe), später wurde sie politischer. Die soziale Arbeit führte aber leider nicht zu einem Gemeindeaufbau. Danach arbeitete er in einem Kulturzentrum, auch das war kein Gemeindeaufbau.
Dann kam Jean-Paul Morley hierher, es hatte in der Gemeinde noch ca. 20 80-Jährige Gemeinde-Besucher. Eine Gottesdienstreform und ein Kulturzentrum wurden an die Hand genommen. Gottesdienste mit neuem Rhythmus und Stil wurden eingeführt. „Wir begannen mit einem Abendgottesdienst mit moderner Musik: Eine Viertelstunde Lobpreis, das Glaubensbekenntnis und die gleiche Predigt wie am Morgen. Wir erwarteten 80 Leute, es kamen 120; jetzt kommen etwa 60 regelmässig. Zu den kulturellen Veranstaltungen am Samstag Vormittag kommen kaum Gemeindeglieder, sondern andere.“ Nach jedem Gottesdienst wird ein Mittagessen angeboten zur Stärkung der Gemeinschaft. Um neue Leute zu gewinnen, werden Alphakurse durchgeführt.
„Wir fragen uns, ob wir mehr zu einer bekennenden Kirche werden sollen, die dafür stärker von den Mitgliedern getragen wird, auch finanziell.“ Mitglieder zahlen durchschnittlich € 850 pro Jahr. Als ‚Objectifs‘ stehen auf einem Projekt-Papier unter anderem:
- besonders ein Publikum von jüngeren Menschen zwischen 20-40 Jahre ansprechen.
- Verdoppelung des Gottesdienstbesuchs in den nächsten 3-5 Jahren.

Montag, 8. Juni 2009
Bildung und Katechetik – Anne-Laure Danet

Wir haben je eine theologische Fakultät in Paris und Montpellier. Es gibt einen landesweiten Pool für Bildung, der die Gemeinden unterstützt. Es gibt auch eine Zusammenarbeit zwischen französischen und schweizerischen reformierten Kirchen im Bereich der Bildung.
Die Erosion der protestantischen Kirche wird sichtbar darin, dass die Kontinuität zwischen Eltern und Kindern nicht mehr selbstverständlich funktioniert. Trotzdem sind wir nicht pessimistisch. Wir fragen uns: Was bedeutet Evangelisation? Der Glaube ist nicht einfach selbstverständlich. Wir müssen die Lokalgemeinden unterstützen in der Evangelisation (= Weitergabe des Glaubens). In einer schrumpfenden Kirche wird die Weitergabe des Evangeliums zur zentralen Aufgabe, zur Herausforderung der Zeit.
Wir haben 4 Stossrichtungen:
1. Biblische Katechetik (Rückkehr zur Bibel)
2. Biblische Verkündigung muss existentiell sein (aufs praktische Leben bezogen)
3. Theologische Vielfalt zwischen lutherischer und evangelikaler Theologie
4. Arbeit zwischen und mit den Generationen; Beispiel: mit Kindern und Jugendlichen arbeiten an einem Wochenende, das gleiche Thema wird mit den Erwachsenen durchgenommen.
Für solche Wochenenden oder Kurse wird Material produziert, das vielfältig angewendet werden kann.
Zwischen 17 und 25 Jahren gibt es ein Loch in der kirchlichen Arbeit. Die Ausbildung in der Kirche ist nicht mehr vom Verhältnis Lehrer-Belehrte geprägt, sondern von der gemeinsamen Zeugenschaft. Wir entwickeln uns von einer Landeskirche hin zu einer Bekenntniskirche, von einer selbstverständlichen Versorgung hin zur Bezeugung des Glaubens. Wir müssen eine neue Sprache finden für die Weitergabe des Glaubens. Der Katechetikpool sammelt Material und stellt es als DVD zur Verfügung für alle. Die Kultur ist oft ein Anknüpfungspunkt für den Gottesdienst (culture – culte).

Input zur Ekklesiologie – Hans Strub
»Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Religion sein, oder es wird nicht sein«, prophezeite André Malraux. Wir haben hier viel von ‚brassage‘ (=Aufmischen) gehört: „es isch nüme we früener!“ Durch die verschiedenen Kulturen und sozialen Milieus geschieht diese Aufmischung. ‚Aufmischen‘ kann ja auch bedeuten: „Luft hineintun“. Das tut der Kirche gut. Die Kirche hat auch eine Aufgabe in der Verbindung der Generationen.
Was ist der Beitrag der Kirche an die heutige Zeit?
1) Das Leben, die Vergebung, Hoffnung durch das Evangelium vermitteln
2) Werte vermitteln (Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit...)
Samuel Huntington sprach vom ‚clash of civilisations‘: Nationen verschwinden, Kulturen werden wichtig.
7 Kraftzentren bilden sich: Japan, China, Indien, Europa, Afrika, Islamische Welt, (Nord- und Süd-) Amerika. Die Religionen tragen die Werte. Huntington: die verschiedenen Religionen vertreten ungefähr die gleichen Werte.
Mat. 28: Machet zu Jüngern alle Völker... A 1,8: Ihr werdet meine Zeugen sein...
 
Evangelikal reformiert
Kirche: croit proclame fait est
sait enseigne soutient missionne
Martyria (Verkündigen, politisch)


Diakonia (Helfen) koinonia (Gemeinschaft bilden)

Leitourgia (Feiern, gläubig)
Um dies regional umzusetzen, braucht es wohl lokale Konzile.
Die Pfarrer haben eine ambivalente Rolle: In der Öffentlichkeit werden sie als sehr wichtig wahrgenommen, sich selber sehen sie häufig nicht so.
-> Die Kirche soll ihre Rolle wieder übernehmen, statt sich selbst kleinzureden! Es ist wichtig, an die eigene Rolle zu glauben. Die Kirche hat eine Verheissung! Die Hoffnung gilt es aufrechtzuerhalten.
Anschliessend gab es eine Gruppenarbeit, wo wir austauschten darüber, was uns stimuliert hat und wie wir das Gehörte und Erlebte umsetzen wollen.

Besuch im ‚Maison verte‘ – Mission Populaire – Pfr. Stéphane Lavignotte
Gegründet im 19. Jahrhundert zur Bekehrung von Arbeitern, war das Werk anfänglich evangelikal ausgerichtet. Später in den 60er-Jahren wurde es vor allem politisch. Seit den 90er-Jahren sucht man die Balance zwischen spirituellem, sozialem und politischem Engagement. Es werden Gottesdienste gehalten, Konzerte durchgeführt, ausländische Frauen treffen sich hier, verschiedene Vereine nutzen die Räume. Schweigerunden mit erklärenden Plakaten gibt es zugunsten von Sans Papiers (gewaltfreie Aktion). Es gibt auch andere Demonstrationen. Wir möchten das Evangelium als Quelle unseres Engagements nehmen. Wir versuchen das Evangelium zu leben. Jesus lebte mit den Aussenseitern der Gesellschaft, begegnete ihnen, brachte etwas in Bewegung. Die Begegnungen hier geschehen im gleichen Geist. Man soll authentisch sein, sowohl von christlicher Seite wie auch von anderer (Moslems, Homosexuelle...). Die Begegnung ist wichtig.
Gibt es einen Bezug zur Kirchgemeinde vor Ort? Wir sind selber eine Art Kirchgemeinde. In der Kommission sind auch Lutheraner und Baptisten vertreten. Für mich ist der Gottesdienst wichtig als Zentrum und Quelle der sozialen Arbeit, sonst rennt man nur den Bedürfnissen der Menschen hinterher. Auch das Gebet für soziale Anliegen ist wichtig. Der Staat unterstützt das Maison verte auch finanziell, z.B. die Sprachkurse für Ausländer etc. Wir haben ein Prinzip: Wir geben kein Geld, sondern helfen auf andere Weise.

„Was ich in meiner Kirche liebe“ – Bertrand de Casenove, Generalsekretär der église protestante de France
Ich beziehe meine Motivation auch aus den Dingen in der Kirche, die ich nicht liebe, die ich verändern möchte. Ich liebe die Bibel als Verankerung meines Glaubens. Die Kirche lebt nicht für sich selbst, sondern um das Evangelium den Menschen zu verkündigen. Wir sind auf dem Weg von einer Kirche eines Gebietes (Territorialprinzip) zu einer Bekenntniskirche. Mein Anliegen ist die Erneuerung der Kirche.
1. Die französische protestantische Kirche zwischen Niedergang und Erneuerung:
Es gibt in Frankreich heute 450 protestantische Gemeinden und 400 Pfarrer. 30% der Pfarrer haben wir in den letzten Jahren verloren. Wir erleben einen Verlust der Generationen. Erneuerung ist nötig. Seit 20 Jahren gibt es aber auch neue Gemeinden, die gegründet werden. Reformierte Pfarrer sind nicht mehr mehrheitlich in der reformierten Kirche aufgewachsen, sondern viele kommen aus anderen Kirchen, enttäuschte Katholiken oder Freikirchler, die zu uns kommen. Wie kann man neue Leute gewinnen, die Liturgie erneuern? Wir wollen eine Kirche sein, die es wagt, neue Leute aufzunehmen und neue Wege zu beschreiten.
2. Bekenntnis und Laizität:
Durch die Säkularisierung gibt es in Frankreich eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat. Das hat es den Protestanten und den Juden ermöglicht, auf der gleichen Stufe zu stehen wie die Katholiken. Die Katholische Kirche dominiert also die Gesellschaft nicht mehr.
350 neue Kirchen wurden gegründet (Chinesische, Koreanische, Afrikanische) mit Unterstützung der protestantischen Kirche. Sonst würden die neuen Immigrantenkirchen diskriminiert.
Die Evangelisation wurde als Anliegen aufgenommen in der protestantischen Kirche. Z.B. Evangelisationsveranstaltungen im Stil Billy Grahams, aber vor allem auch weitere Formen der Weitergabe des Glaubens wie Glaubenskurse, Begegnung etc.
3. Gemeinschaft und Individualismus
Mobilität und Kommunikationsmittel führen zu erhöhtem Individualismus. Die prot. Kirche hat sich stark für die Rechte des Individuums eingesetzt. Jetzt aber müssen wir Gegensteuer gegen die Auswüchse der Freiheit geben. Die Evangelikalen haben es besser geschafft, das Individuum anzusprechen. Wir wollen die Befreiung verkünden, nicht den moralischen Zeigefinger erheben.
Das Territorialprinzip ist für uns Reformierte eine Fiktion, wir müssen uns konzentrieren auf Orte mit Ausstrahlung.
Am Schlussabend geniessen wir zusammen mit dem Referenten ein Abendessen in einem Restaurant.

Dienstag, 9. Juni – Mission interieure (Lutherienne) – Caroline Bauberot
Sie war 7 Jahre Pfarrerin in einer Gemeinde im Osten von Frankreich, wo es vor allem darum ging, missionarisch zu wirken. Die ‚innere Mission‘ wurde ursprünglich gegründet für die Betreuung deutscher Gastarbeiter. Heute ist Evangelisation und die Gründung von Gemeinden das Hauptgebiet. Im 20. Jahrhundert war die Mission etwas eingeschlafen. Seit den 80er-Jahren wurde die missionarische Arbeit wiedererweckt; es geht jetzt um Evangelisation innerhalb bestehender Gemeinden. Die Aufgabe besteht darin, die Gemeinden zu öffnen für das, was ausserhalb ist. Es gibt Ausstellungen, es gibt Jugendmission. Die innere Mission unterhält auch zwei diakonische Zentren. Diese führen Kurse durch, Alphabetisierung, Sprachkurse z.B. in Marseille für Nordafrikaner (Moslems). Diese Arbeit wird sehr geschätzt. Die innere Mission wird auch von norwegischen, finnischen und deutschen Kirchen unterstützt.
Diakonie, Evangelisation, Jugendarbeit gehört alles zusammen zur inneren Mission. In einer Zeit der schrumpfenden Kirche ist Evangelisation eine Notwendigkeit geworden. Keinen schulischen Religionsunterricht zu haben, kann auch eine Chance sein, das Eltern es gut finden, dass die Kirche doch noch etwas für die Jungen anbietet.
Nach dem Mittagessen steht die Heimreise auf dem Programm.

Mein persönliches Fazit:
• Auch ohne Kirchensteuer geht die Kirche nicht unter
• Es gehört zur zentralen Aufgabe der Kirche, neue Menschen zu gewinnen und ihnen den Glauben zu vermitteln. Die Kirche ist also kein Verein, der nur Mitglieder mit Angeboten versorgt. Vielmehr hat die Kirche einen Auftrag, das Evangelium allen (in ihrem Umfeld und weltweit) weiterzugeben.
• Offenheit für die Menschen um uns herum, die Menschen der heutigen Gesellschaft, ist wichtig für die Kirche. Wir sind nicht nur für diejenigen da, die bereits zu uns kommen oder Mitglieder sind, sondern wir sollten uns überlegen, wie wir einen Beitrag zum Leben der ‚Stadt‘ leisten können.
• Ich fühle mich ermutigt, in der kirchlichen Arbeit noch vermehrt neue Wege zu beschreiten, nicht nur Altes und Bewährtes weiterzuführen.

Bereitgestellt: 22.06.2009      
aktualisiert mit kirchenweb.ch