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Hansruedi Vetsch

Wort zum Eidg. Dank-, Buss- und Bettag

Armut <div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-frauenfeld.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>195</div><div class='bid' style='display:none;'>1384</div><div class='usr' style='display:none;'>24</div>

Armut

Oh Gott, gibt’s denn nichts mehr, was man tun kann?
Kennen Sie diese Hoffnungslosigkeit, die uns zuweilen sprachlos macht? Es ist das Gefühl der Ohnmacht, das uns den Kopf schütteln und das Herz weinen lässt. Dies kann sich bei kleinen Dingen des Alltags einstellen, wie bei grösseren Problemen unserer Zeit.
Hansruedi Vetsch,
Schwierigkeiten in der Erziehung der Kinder, Probleme am Arbeitsplatz, Konflikte in der Nachbarschaft oder die Sorge um die eigene Existenz und Gesundheit lassen uns oft ratlos werden. Glücklicherweise sind wir umgeben von vielen Hilfsangeboten, Beratungsmöglichkeiten und Freunden, die uns weiterhelfen. Wie ein Netz im Zirkus, das die Artisten auffängt, wenn sie einmal straucheln sollten. Dieses Netz gibt uns die Sicherheit, die uns ermöglicht, auch zaghafte Schritte in ungewisse Lebensbereiche zu unternehmen.

Am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag wollen wir zuerst dankbar sein. Dankbar für die vielfältigen Möglichkeiten, die unser Leben bereichern. Dass wir in der ganzen Eidgenossenschaft gemeinsam in allen Kirchen beten und danken, zeigt, dass unser Land um eine gemeinsame christliche Grundlage weiss, wie sie in der Bundesverfassung als Präambel steht: «Im Namen Gottes des Allmächtigen! … in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung … in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung, ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen…»

Auch wenn der Gottesdienstbesuch oft belächelt wird, so ist dieser seit jeher, die grösste Veranstaltung in der Schweiz, die über Jahrhunderte Woche für Woche stattfindet. Wie viele Christen werden am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag in den 2070 politischen Gemeinden der Schweiz zusammenkommen? In den evangelischen und katholischen Landeskirchen und in den Freikirchen werden wohl über eine halbe Million Christen sich «im Namen Gottes des Allmächtigen» zum Dank, zur Busse und zum Gebet zusammenfinden.

Der Dank für das, was wir erhofft haben, aber ebenso für das, was unverhofft möglich wurde, ist die Brücke zu dem, was bei uns im Leben noch ansteht. Wir müssen eingestehen, dass wir immer wieder versagen und an den Menschen und der Schöpfung schuldig werden. Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist darum auch ein Tag der Busse: ein Tag, an dem wir uns auch selbstkritisch fragen müssen: Was ist mein Anteil an den bestehenden Konflikten und Herausforderungen meines Lebens? Wir sind ja nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für die Situationen in denen wir tatenlos zusehen. Und davon gibt es in unserem Leben leider mehr als genug.

Der Soziologie, Professor Tony Campolo, soll einmal ein Referat wie folgt angefangen haben: «Drei Dinge möchte ich heute gerne sagen. Erstens: Während Sie heute Nacht geschlafen haben, sind 30‘000 Kinder verhungert oder an den Folgen von Unterernährung gestorben. Zweitens: Die meisten von Ihnen interessiert das einen Scheissdreck. Und das Schlimmste ist drittens, dass Sie sich mehr daran stören, dass ich «Scheissdreck» gesagt habe, als daran, dass heute Nacht 30‘000 Kinder gestorben sind.“

Hier wird uns – mit Verlaub – in starken Worten eine der grössten Nöte dieser Welt vor Augen geführt. Jeder sechste Mensch auf dieser Welt lebt in extremer Armut, hat also weniger als 1.50 Franken pro Tag zum Leben. Jedes Jahr sterben knapp 7 Millionen Kinder an den Folgen von Armut und Unterernähung, soviel wie die gesamte Bevölkerung der Schweiz. Dies ist ein so gigantisches Ausmass an Elend und Not, das jede Vorstellungskraft übersteigt und uns gelähmt dastehen lässt.

Oh Gott, gibt’s denn nichts mehr, was man tun kann?

Die Welt steht vor dieser grossen, vielleicht grössten Herausforderung. Wenn wir uns dessen wieder bewusst werden, so möchten wir gleich hingehen und helfen, diese unsagbare Not zu lindern. Doch die Realität holt uns schnell wieder ein und lässt uns entmutigt aufgeben. Was wir auch immer spenden, es bleibt ein Tropfen auf einen sehr, sehr heissen Stein.

Seit einigen Jahren hat sich aber das Bewusstsein dieser Not gewandelt und lässt uns neue Hoffnung schöpfen. In der Millenniumsversammlung der UNO im Jahr 2000, haben sich alle Regierungsvertreter verpflichtet, Armut und Hunger gemeinsam zu bekämpfen. Zu diesem Zweck haben sie 8 Millenniumsziele festgelegt, darunter als vorrangiges und erstes Ziel, den Hunger und die Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Dieses Elend zu lindern wird nur gelingen, wenn sich alle daran beteiligen: Staatengemeinschaften ebenso wie Gruppen, Gemeinschaften, Kirchen und wir als Einzelpersonen.

Kirchliche Hilfswerke und Organisationen haben sich zur Bewegung «Gemeinsam gegen Armut» und «Stopp Armut 2015» zusammengetan. Gemeinsam wollen sie diesem Elend ein Gesicht geben und sich konkret auf deren Linderung konzentrieren. Das ist eine ermutigende Botschaft, denn sie vereint die Anstrengungen.

Doch die Anstrengungen der Staatengemeinschaft, der Eidgenossenschaft und der zahlreichen Hilfswerke wird nur gelingen, wenn diese auch getragen wird von Menschen, die in ihrem Innersten hoffen, dass den Schwächsten dieser Erde geholfen werden kann. Daraus ist vor einigen Jahren die Initiative «Deine Stimme gegen Armut» entstanden. Sie nimmt den Wunsch von Millionen von Menschen auf, ein persönliches Zeichen zu setzen.

Wichtiger als die Form dieses Zeichens, sei es durch das Eintragen des Namens in einer Internetliste oder das Tragen eines weissen Armbandes, scheint mir der eigene Entscheid zu sein, sich persönlich der weltweiten Armut anzunehmen.

Vor Jahren hat mich dieses Anliegen angesprochen und seither nicht mehr losgelassen. Die Vorstellung, dass wir das grösste Elend auf dieser Welt lindern können, motiviert mich, mich dafür einzusetzen. Ich merke, dass ich nicht alleine bin. Längst hat sich das Anliegen der Armutsbekämpfung durch alle Schichten der Gesellschaft, über die verschiedensten Gruppen, Vereine und Verbände hinweg, etabliert.

Manchmal kommt es mir vor, wie wenn wir einen grossen Felsbrocken verschieben müssten, den wir alleine keinen Millimeter bewegen können. In einer solchen hoffnungslosen Situation wendet man sich frustriert von der Aufgabe ab. Wenn wir jedoch den Glauben haben, dass wir es schaffen werden, dann wird es uns gelingen, andere davon zu überzeugen. Gemeinsam werden wir schon bald merken, dass dieser grosse Brocken gar nicht so gross ist und dass sich schon etwas bewegt hat. Aber verschoben haben wir ihn noch nicht. So gehen wir nun und versuchen, das Feuer für diese Aufgabe bei anderen zu entfachen.

Am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag kommen die Christen zusammen, weil sie einen gemeinsamen Glauben haben, den Glauben an den Auferstandenen Jesus Christus, der zu uns im Markusevangelium spricht: «Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor, und stürz dich ins Meer!, und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen.»

Haben wir doch gemeinsam Mut zu glauben, dass wir mit Gottes Hilfe Berge versetzen und abtragen können.

Pfarrer Hansruedi Vetsch
Evangelische Kirche Frauenfeld
Bereitgestellt: 15.09.2007      
aktualisiert mit kirchenweb.ch